Write hard and clear about what hurts you.

Spätestens mit dem November beginnt für mich die Zeit des Unwohlseins auf dem Heimweg. Vor 6 Jahren ging ich abends in meinem Wohnviertel spazieren und ein vorbeirauschender Fahrradfahrer fasste mir ans Gesäß. Die erste Reaktion, die ich darauf hörte: „Warum gehst du zu dieser Zeit auch allein spazieren?“
Jeden Vorfall vor diesem Tag hatte ich sauber verarbeitet: Catcalling in allen Formen ist nervig, hat aber mein jugendliches Gefühl von Unverwundbarkeit nicht angekratzt. Der Fahrradfahrer vor 6 Jahren jedoch hat eine Grenze überschritten und seitdem ist es irgendwie anders.
Es ist dieses Gefühl des Ausgeliefertseins, des Nichtwissenkönnens. Ich habe zwar keine ständige Angst mehr, wenn ich im Dunkeln allein unterwegs bin, fühle mich aber häufig gestresst und sehe mich ständig um.

Vor einigen Wochen gab es einen erneuten Vorfall – und ich war so unvorbereitet und verwirrt wie immer.

Die Geschichte ist eigentlich banal:
Ich war auf dem Weg von der S-Bahn-Station nach Hause, auf der Überführung lächelte mich ein fremder Mann an. Es fühlte sich merkwürdig an, weil er sich beim Lächeln in meinen Weg gebeugt hatte, sodass ich leicht ausweichen musste.
Mein Weg ist nicht lang, nur 4 Minuten zu Fuß, aber die Straße ist klein und dort sind nie viele Menschen unterwegs, oftmals kommt mir kein einziger Fußgänger entgegen.
An der ersten Straßenkreuzung drehte ich mich um, um den Verkehr zu prüfen und sah dabei, dass mir der Fremde folgte. Ich sah ihn fragend an und er murmelte etwas, das ich nicht verstand. Irgendetwas mit meinem Telefon. Ich schüttelte mit dem Kopf und ging davon. Er folgte mir weiter und gab mir zu verstehen, dass er meine Telefonnummer wollte. Ich wies ihn ab, er blieb jedoch hartnäckig: „Gib mir doch einfach deine Nummer, bitte!“ Ich sagte, dass ich keine Lust habe und einfach nur nach Hause wolle. Er fragte, ob ich ihn zu mir mitnehmen wolle und dann weniger freundlich: „Hast du etwa ein Problem mit mir?“
Es ging ein paar Minuten lang so hin und her, bis er aufgab und sich umdrehte – nachdem ich erwidern musste, dass ich mit meinem Freund zusammen wohne.

Das Schwierigste ist, dass ich nie gelernt habe, mit solchen Situationen umzugehen – wie wahrscheinlich viele andere Mädchen und Frauen auch.

Was wäre denn das beste Verhalten gewesen? Wenn ich klar Nein sage, mich abwende und gehe, ist das dann nicht Antwort genug? Was soll ich denn sonst machen?
Rückblickend ist es leicht, dieses Erlebnis abzutun. Aber in der Situation weiß man noch nicht, wie sie ausgehen wird, wohl aber, wie sie ausgehen könnte.
Natürlich hätte ich ihm eine falsche Nummer geben können. Aber wenn ich ihm wieder begegne? Oder er sich dadurch bestärkt fühlt und sich anderen Frauen gegenüber genauso verhält?

Ebenso schwierig: dass die meisten Mädchen und Frauen auch nicht lernen, frei über solche Erlebnisse zu sprechen.

Im Moment komme ich mir wegen meiner eigenen Gefühle blöd vor. Das flaue Gefühl in der Magengrube, wenn ich nun allein zur S-Bahn gehe, ist mir eigentlich peinlich.
Bisher habe ich immer nur Kleinigkeiten erlebt. Der Typ, der mich über zwei Wochen lang beim Skaten im Park abgepasst hat, auch nachdem ich zu einer anderen Zeit gekommen bin (am Ende bin ich einfach nicht mehr in den Park gegangen). Besagter Fahrradfahrer. All die anderen, seit über 10 Jahren. Und jetzt das.
Einzeln betrachtet war es nie schlimm, das weiß ich. Aber über Jahre und in der Kombination ist es bedrückend: bei jedem aufdringlichen Flirtversuch befürchte ich, dass ich bald wieder im Alltag abgepasst werde oder dass die Grenze zum Körperlichen überschritten wird oder dass ich allein im Dunkeln bin – oder alles gleichzeitig.
Und es ist ermüdend, entweder das alles erklären zu müssen oder nicht ernstgenommen zu werden, weil ich auf Kleinigkeiten überreagiere. Zum Teil nehme ich mich nicht mal selbst ernst, weil ich denke: die anderen kommen ja auch damit klar, ohne darüber zu sprechen.

Nicht weniger schwierig: dass Frauen bei diesem Thema in der öffentlichen Diskussion häufig nicht Subjekt sind, sondern eines der Objekte.

Es gibt ein Detail, dass ich in der Schilderung oben nicht erwähnt habe: der junge Mann war Ausländer. Südosteuropa oder arabischer Raum, das war bei der schlechten Straßenbeleuchtung für mich nicht eindeutig erkennbar.
Ich wollte es ursprünglich nicht schreiben, weil ich nicht möchte, dass mein Blog zu einer Plattform für Fremdenhass wird. Es ist aber wichtig, weil ich seine Frage, ob ich ein Problem hätte, nicht bejahen wollte, weil ich die Nazi-Karte befürchtet habe. Es ist auch wichtig, weil ich ihm gern zu verstehen gegeben hätte, dass Kennenlernen in Deutschland so einfach nicht funktioniert.
Die Sache ist die: wenn mir im Dunkeln eine Gruppe Westeuropäer/Deutscher entgegenkommt, wechsle ich die Straßenseite. Das respektvollste und netteste Kompliment von einem Fremden habe ich im letzten Winter von einem Mann aus dem arabischen Raum erhalten.
Wir müssen bei diesem Thema offen über kulturelle Hintergründe sprechen können. Nicht etwa, weil so pauschal zwischen „guten“ und „schlechten“ Männern unterschieden werden kann (das kann es nämlich nicht), sondern weil das Gelingen von Kommunikation davon abhängt.

A. war am Tag nach dem letzten Vorfall überrascht, dass ich nicht genug Konzentration zum Lesen gefunden habe. „Ich muss dir etwas erzählen, mir ist gestern etwas passiert.“ Also habe ich eine halbe Stunde lang geredet: über die Typen, die hupend an mir vorbeigefahren sind, als ich 15 war. Über plumpe Anmachen im Regionalexpress. Über all die Kleinigkeiten, die in der Summe nicht mehr so klein sind. Über die Mischung aus Unsicherheit und Scham.
„Christin, ich nehme dich ernst. Möchtest du, dass ich dich in der nächsten Zeit vom Zug abhole?“ Es war die passendste Antwort und auch deswegen ist es wichtig, dass wir über dieses Thema zu sprechen lernen: weil wir Verbündete brauchen.

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