Logos: Wie viel Rosa macht mich dumm?

Vor genau einem Jahr habe ich zum ersten Mal zum Logos gebloggt und ursprünglich hatte ich vor, eine kleine Serie daraus zu machen. Ich hab immer wieder mal Ideen für Maikind.info, die ich dann aber nicht konsequent verfolge.
In letzter Zeit habe ich einige ältere Beiträge gelesen, um mich endlich zu entscheiden, ob ich das Blog für eine mehrsprachige Installation neu aufsetzen möchte oder ob ich die bestehende Installation im quick-and-dirty-Verfahren umforme. Ich war oft von mir selbst überrascht.

Ich mache mir ständig wegen viel zu vielen Dingen eine Platte und ja, ich erlebe noch immer Wachstumsschmerzen – nicht in den Knochen, aber innerlich und in meinem sozialen Umfeld. Das ist aber gut. Und ich versuche einfach offen zu zeigen, dass es wirklich gut ist, auch wenn es sich nicht immer klasse anfühlt, und vielleicht fasst dann auch mal jemand anderes den Mut, ebenfalls zu wachsen.

(http://maikind.info/liebster-award/)

Wenn ich ehrlich zu mir bin, dann habe ich diesen Anspruch nicht immer erfüllt. Es liegt nicht daran, dass ich es nicht wollte – sondern dass ich selbst nicht immer die Kraft habe, die Wachstumsschmerzen voll auszuhalten, da helfen auch keine 83 Motivationsbildchen: „Life begins at the end of your comfort zone!“

Vorletzte Woche habe ich Schuhe gekauft. Ein paar erwachsen wirkende Chelsea Boots für Vorstellungsgespräche und Sneaker. Ich mag dieses Modell von adidas, es ist nicht mein erstes Paar, ich mag diesen dunkelblauen Ton – und ja, ich mag die rosa Kontrastfarbe.
Es gibt sehr viel Rosa, Pink und Koralle in meinem Umfeld, weil ich diese Farben freundlich und fröhlich finde und mich Gegenstände in diesen Farben aufmuntern. Ich möchte damit keine politische Botschaft übermitteln und auch kein Statement setzen, einige Dinge mache ich einfach gern für mich.

Leider ist das mit der Farbe Rosa nicht immer so einfach.

Zu Beginn des Jahres wurde mein Arbeitsteam umstrukturiert und neue Kollegen zogen in mein Büro. Um mich besser konzentrieren zu können, höre ich manchmal klassische Musik – über ein rosa Headset.
Es ist ein Gaming-Headset, ordentlich gepolstert mit gutem Mikrofon. Wahrscheinlich hätte ich die schwarze Variante gekauft, wenn sie an dem Tag im Laden gewesen wäre. Normalerweise mache ich mir darüber nicht viele Gedanken, denn das Teil ist bequem und die Klangqualität gut. Eines Tages fragten mich aber Kollegen, was es mit der Farbe auf sich habe, weil ich doch sonst nicht so wirke.

Wie wirkt rosa?

Ich wollte es etwas genauer wissen: was wird außerhalb meiner sozialen Blase über Rosa gesagt?

Einer der ältesten Artikel, die ich zu dem Thema gefunden habe, erschien 2007 auf Welt online: Vom Rosarausch und der Supermacht der Mädchen. Darin wird nicht nur das erneut starke Aufkommen der Farbe Rosa thematisiert, sondern vor allem die Figuren, die damit in Verbindung stehen.

Das Dornröschen meint der Trend nämlich nicht, jener Prinz, der dieser verschlafenen Holden einst mit einem Schöpferkuss Leben einhauchte, hat die Zeitreise ja nicht überstanden. Eher schon kehrt die Zicke aus dem „Froschkönig“ zurück oder Andersens Anspruchsprinzessin auf der Erbse.

(Wieland Freund, 2007: Welt online)

Interessanter Weise hatte ich als Kind bereits Ende der ’90er einen rosa LEGO-Eimer und es gab LEGO Scala, das auch rosa war. Mein Figuren erlebten normale Abenteuer. Wie die meisten Mädchen hatte ich auch Barbies – zum Beispiel Lehrerinnen-Barbie und Skater-Barbie, der Wunsch nach Tierarzt-Barbie wurde mir nicht erfüllt. Es gab also eine Zeit, in der sich Rosa, Barbie, Studienberufe und Extremsport in deutschen Kinderzimmern nicht ausgeschlossen haben. (Auch wenn hier natürlich eingeworfen werden kann, dass Lehrerin und Tierarzt tendenziell Frauenberufe sind, weil sie an den Kümmerer-Instinkt appellieren.)

Spulen wir einige Jahre vorwärts: 2012, Ferrero bringt das rosa Mädchen-Ü-Ei auf den deutschen Markt. Sehr viele Artikel fokussieren sich um dieses Ereignis und die damit verbundene Gründung der Gegenbewegung Pinkstinks. Dabei springt mir vor allem die pointierte Grundaussage ins Auge: Rosa macht Mädchen dumm.
Da geht es um Sexualisierung, um den frühen Erwerb von Geschlechterrollen. Wer möchte, kann das auf Focus online nachlesen oder ein bisschen googeln – es gibt ausreichend Artikel mit ähnlichem Grundtenor. Am interessantesten finde ich am Artikel des Focus den Punkt, dass es nun ein Überraschungs-Ei „für alle“ und eins „für Mädchen“ gäbe. Das entspricht auch etwa der Essenz des ersten Kapitels in Simone de Beauvoirs „Le deuxième sexe“ (dt.: „Das andere Geschlecht“): das Männliche wird als das Universale, als der Standard wahrgenommen, das Weibliche ist das Abweichende – und Abweichung kann in diesem Fall als negativ verstanden werden, da es gewissermaßen dem Prinzip „Never touch a running system!“ widerspricht.

Zur Farbwirkung von Rosa heißt es zum Beispiel auf Wikipedia: „Für Männer bedeutet diese Farbe meist Hilflosigkeit, Naivität und Schwäche“ (Wikipedia: Rosa (Farbe)).

 

Rosa_Fangirl
Wenn es das Lieblingsbuch in einer rosa Sammlerausgabe gibt – warum nicht?

Welche Farbe hat mein Wohlfühlbereich?

Was macht also dieses Wissen über die Wirkung der Farbe mit mir?

Wenn ich schwarze Kleidung kaufe (und ich kaufe viel schwarze Kleidung, weil das so wunderbar unkompliziert ist), mache ich gerne den Scherz, ich würde meine Kleidung farblich passend zu meiner Seele kaufen. Jeder, der mich auch nur ein bisschen kennt, weiß, dass ich zu den begeisterungsfähigsten Menschen dieser Welt gehöre, ziemlich einfach zu beeindrucken bin und wegen Kleinigkeiten fröhlich quietsche. Meine Seele ist lila oder türkis, aber ganz bestimmt nicht schwarz.

Schwarz ist aber, zumindest was Kleidung und Accessoires angeht, mein Wohlfühlbereich. Schwarz erweckt, in den Mengen, in denen ich es im Alltag trage, keine Fragen, mit Schwarz werde ich ernst genommen.
Wenn ich ein schwarzes T-Shirt trage, kann ich über Linguistik reden und das Thema steht im Mittelpunkt. Wenn ich Rosa trage oder ein rosa Accessoire bei mir habe, spricht die Farbe mit, dann stellt sich viel zu oft die Frage, weshalb ein Mädchenmädchen Statistiken erstellt und auswertet.

Lass sie Rosa tragen. Und ihn auch.

Überhaupt: Mädchen. Es ist keine Gleichberechtigung, wenn ich nur dann ernst genommen werde, wenn ich feminine Züge an mir unterdrücke, wenn ich mich der maskulinen Hegemonie soweit anpasse, wie es mit Brüsten eben möglich ist.
Es ist kein Feminismus, wenn ich sage: „Meine Tochter trägt kein Rosa und bekommt kein rosa Spielzeug, weil sie sich zu einer unabhängigen Person entwickeln soll.“ Auch das ist in gewisser Form Unterdrückung von Weiblichkeit oder zumindest von freier Entscheidungskraft und Anpassung an eine von einer bestimmten Form von Männlichkeit dominierten Welt.

Ich kann alle Eltern verstehen, die nicht möchten, dass ihre Tochter zur „zickigen Anspruchsprinzessin“ wird. Aber Rosa ist nicht synonym für Prinzessin, es ist eine beliebige, wenn auch zurzeit konventionelle Zuordnung. So wie es scheint, wurde die Zuordnung von Rosa als Mädchen- und Hellblau als Jungenfarbe überhaupt erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sehr wahrscheinlich aufgrund der rosa Kennzeichnung von Homosexuellen in Nazi-Deutschland vorgenommen. Wir könnten diese Zuordnung also auch wieder aufheben, wir könnten die Farbbedeutung neu besetzen – dafür müssen wir die Farbe aber zulassen.

Ich will Rosa tragen, ich will Mädchen sein und ich will über Kosmetik bloggen, ohne dass meine Glaubwürdigkeit bei Beiträgen über Meinungsfreiheit, Feminismus und politisch korrektes Übersetzen verloren geht – und ich will, dass das normal ist. Ich will, dass wir als Gesellschaft von „Wow, für einen Nerd kannst du aber gut Gel-Eyeliner auftragen!“ und „So toll, dass du dich als stilbewusste Frau auch für ernste Themen interessierst!“ wegkommen.
Das war jetzt sehr viel „Ich will!“ in einem kurzen Absatz, jedoch nicht als Anspruch an unsere Gesellschaft, sondern als sehnlicher Wunsch. Ich kann nicht erwarten, dass unsere Gesellschaft einen Wandel bringt, während ich still auf dem Sofa sitze. Als Mitglied der Gesellschaft muss ich selbst Teil dieses Wandels sein.

Etwas, das mich dabei optimistisch gestimmt hat, ist ein Artikel auf derStandard.at: Warum Feministinnen plötzlich auf die Farbe Rosa stehen. Dabei spricht mir vor allem das Interview mit Rhiannon Adams aus der Seele.

Warum sollten sich Rosa und Intelligenz überhaupt ausschließen? Immerhin sieht die graue Substanz eines frischen Gehirns auch eher rosa aus!

1 Comment

  1. RoM says: Antworten

    Servus, Christin.
    Leute, die gern Anliegen zu einer Bewegung umformen, arbeiten freudig erregt mit dem Vorschlaghammer der Vereinfachungen. Komplexe Aspekte an einer offenbaren Nebensächlichkeit aufbauschen, um Meinungsmache auf möglichst aerodynamische Weise lostreten zu können. Je flacher ein Slogan, desto mehr sind bereit ihn zu schlucken.
    Stimmt! Rosa ist zu allererst eine Farbe und kein Symptom für irgendwas. Jeder Mensch hegt seine Lieblingsfarbe und wegen Blau hat mir noch nie jemand etwas unterstellt.
    Die rosa Farbe (sehr schön an allerlei Blüten) ist die Prügelmaid dafür, daß manche Eltern durch die Kindererziehung ausgiebig stolpern & für Scherben dabei sorgen. Konkreter: Nicht eine Farbe bewirkt ein Verhalten von Kindern, sondern soziale Vorgaben, die Ambitionen von Eltern.

    bonté

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