Wie stellst du dir starke Protagonistinnen vor? So jedenfalls nicht.

Here’s to strong women
May we know them
May we be them
May we raise them

Hallo, ich heiße Christin, ich glaube an die Magie von Einhörnern, aber nicht an fixe Geschlechterrollen. Eine meiner liebsten Szenen in der gesamten „Resident Evil“-Reihe ist die, in der Alice eine Tasche mit Waffen auf den Tisch klatscht und anmerkt, dass eine Frau schließlich vorbereitet sein müsse.
Figuren, die tendenziell keine Handfeuerwaffen bei sich tragen und auch sonst eher unvorbereitet daherkommen: Bella aus der „Twilight“-Reihe und Emma aus der „MondLicht“-Reihe (aus Respekt für die altnordische Tradition weigere ich mich, diese Buchserien als „Saga“ zu bezeichnen). Das stört mich so sehr, dass ich Bella nicht nur als frodoesken Charakter bezeichnete, sondern irgendwann beim Abendessen aufgebracht verlauten ließ, dass meiner Meinung nach per Gesetz beschlossen werden sollte, dass der zweite „Twilight“-Band von Minderjährigen nur noch in Begleitung ausgebildeter Mentoren gelesen werden darf. Ja, so schlimm.

Mein Grundsatzproblem

Literatur hat zwei Hauptziele: nützlich sein und/oder erfreuen (Prodesse et delectare.) „Nützlich sein“ ist dabei ein sehr weites Feld, das kann Katharsis sein, moralische Belehrung, Kritik oder aber Bestätigung von sozialen Modellen, Machtstrukturen, Lebensmodellen und Charakterzügen. Das alles hat seine Berechtigung und seinen Platz.
Twilight“ und die „MondLicht“-Reihe ordne ich als Bestätigungsliteratur ein: es wird eine für die Zielgruppe typische Lebenssituation genommen und gezeigt, dass das alles völlig normal ist. In dem konkreten Fall reden wir von ca. 12 bis 16 Jahre alten, meist weiblichen Personen und der ersten Liebe bzw. dem daraus resultierenden Kummer.
Es könnte in der Tat großartig sein, wenn Mädchen ihre Gefühle durch die Lektüre aufarbeiten könnten und ihr Blick auf die Dinge dabei etwas korrigiert würde. Eine Autorin oder ein Autor könnten das durchaus schaffen, weil sie in der Regel mehr Lebenserfahrung als ihre Leserinnen und Leser haben und daher wissen sollten, dass das mit 14 Jahren beschworene „Für immer!“ meistens nur kurzlebiger Natur ist und man sich auch ohne feste Beziehung komplett fühlen kann. Allerdings haben sich Stephenie Meyer und Marah Woolf dagegen entschieden.

Da die „MondLicht“-Reihe weitgehend eine „Twilight“-Kopie mit nur wenigen originellen Abwandlungen ist, halte ich das Marah Woolf sogar stärker vor. Immerhin wurde die Figur der Bella ausreichend problematisiert.

Was wissen wir über Bella und Emma?

In den folgendne Ausführungen beziehe ich mich auf die ersten beiden Twilight-Bände und den ersten MondLicht-Band. Ich werde diesen Beitrag ergänzen, falls die Figuren sich bemerkenswert verändern – ihr dürft in den Kommentaren in diesem Fall auch gern spoilern.

Bella liest gern und hat in der Schule mehr als okaye Noten, weil sie kein außerschulisches Sozialleben hat. Sie ist blass, schwach und äußerst ungeschickt. Edward kann ihre Gedanken nicht lesen.
Emma liest gern und hat in der Schule mehr als okaye Noten, weil sie kein außerschulisches Sozialleben hat. Sie ist blass, kann sehr gut malen, ein bisschen Gitarre spielen und ist eine ausgezeichnete Wettkampfschwimmerin. Sie ist tendenziell ungeschickt.

Beide Figuren müssen mit mittlerer Regelmäßigkeit gerettet werden, meist im Deus-ex-Machina-Verfahren. Für Edwards plötzliche Rettungseinsätze gibt es immerhin stimmige Erklärungen (er kann in den Gedanken der anderen Menschen lesen, ob Bella in Gefahr ist), die Figur des Calum bleibt den gesamten ersten Band sehr skizzenhaft.
Bella muss so häufig gerettet werden, weil sie einfach unfähig ist (ich hätte gern ein freundlicheres Wort gewählt). Emma aber ist erfolgreiche Wettkampfschwimmerin, das verlangt schon einiges an körperlicher Stärke und Geschicklichkeit. Als Emma das erste Mal blöd stolperte, war ich wirklich enttäuscht.

Ist es wirklich notwendig, die Protagonistinnen zu hilflosen kleinen Mädchen runterzustilisieren? Natürlich! Wie denn sonst sollten Edward und Calum als Ritter in glänzender Rüstung erstrahlen können?! Wie denn sonst sollten wir als Leser mitbekommen, dass es hier um nichts Geringeres als die wahre große Liebe geht, wenn beide Typen etwa 80% der Zeit damit verbringen, die jeweilige Protagonistin zu ignorieren, böse anzustarren oder „Ich will dich so sehr, aber ich bin zu gefährlich und darum will ich dich gleichzeitig nicht.“ zu flöten?

Bella, Emma und die Liebe

Bella und Emma verlieben sich, weil Edward und Calum sehr gut und einzigartig aussehen. Sie versuchen dann natürlich, die beiden näher kennenzulernen, wobei Edward und Calum bei jeder Frage, die mehr Tiefgang als „Magst du lieber Vierecke oder Donnerstage?“ besitzt, abblocken – und das nicht in der Mysteriöser-Typ-mit-sexy-Lächeln-Manier, sondern einfach nur barsch.
Edward wiederum verliebt sich in Bella, weil sie so toll riecht. Und Calum … man könnte ihn geheimnisvoll nennen, aber eigentlich ist er bloß skizzenhaft und hat so viel Tiefe wie ein 50g/m² starker Bogen Papier.

Unsere beiden Buchpärchen finden also nur zu einander, weil es so vorherbestimmt war – und zwar nicht etwa vom Schicksal, sondern von der jeweiligen Autorin. Deswegen müssen sie sich auch als Menschen nicht weiterentwickeln oder sich überhaupt mal näher mit der/dem Anderen als Person beschäftigen. Es sind keine echten Beziehungen, die auf für realsterbliche Menschen nachvollziehbaren Gründen beruhen, sondern Konstrukte.
Stephenie Meyer erhält von mir einen kleinen Mormonen-Bonus. Letztes Jahr hatte ich mich etwas mit einigen LDS-Missionaren unterhalten und die finden es total legitim, nach nur 6 bis 12 Monaten Beziehung zu heiraten, weil Ehe in ihrem Verständnis zwar durchaus auf Sympathie und Anziehung beruhen sollte, ansonsten aber Arbeit an sich selbst ist.

Nun wissen wir ja aber, dass Beziehungen zwischen Menschen und übernatürlichen Wesen nicht immer ganz leicht sind, daran kann auch die schönste Vorsehung nichts ändern.
Wenn Gespräche auf eine mögliche Trennung kommen oder jemand es wagt, Bella und Emma zu sagen, dass es auch noch andere Jungen auf der Welt gibt, ist die Reaktion immer gleich: sie möchten nichts davon wissen, sie bocken. Und am Ende bekommen beide ihren Willen.

Ich habe damit wirklich Mühe, weil jungen Mädchen dadurch nicht bewusst wird, dass das echte Leben so nicht funktioniert.
Natürlich kann man nun sagen: „Christin, das ist Fiktion. Da laufen Glitzervampire und Shellycoats rum. 14-Jährige wissen, dass das nicht echt ist.“ – Aber so einfach ist das nicht. Kinder und Jugendliche müssen erst lernen, Fiktion und Realität sicher auseinanderzuhalten. Fiktion, und somit auch Literatur, steht in keinem luftleeren Raum, sondern beschäftigt sich immer mit der überaus realen Tatsache des Menschseins in all seinen Facetten. Nur weil ein Mädchen erkennt, dass es keine Vampire gibt, erkennt sie noch lange nicht, dass auch die Art der Beziehung von Bella und Edward ins Reich der Fiktion gehört – vor allem nicht, wenn sie sich genau das wünscht und in dem Buch vor allem die Bestätigung sucht, dass es die unendliche Liebe auf den ersten Blick geben kann.
Im zweiten Teil der Twilight-Serie bringt Bella systematisch ihr Leben in Gefahr, um Edwards Stimme in ihrem Kopf hören zu können. Sie selbst hält diese Stimme für Halluzinationen und möchte lieber ein Leben mit Wahnvorstellungen als ein Leben ganz ohne Edward führen. Bella ist ihrem Tod gegenüber vollkommen gleichgültig eingestellt, weil sie ein Leben ohne Edward auf Dauer sowieso nicht für erfüllend hält. In der 12. Klasse hat sich eine Mitschülerin das Leben genommen, weil sie ohne ihren Ex-Freund nicht mehr leben wollte.
Ich möchte nicht sagen, dass die Twilight-Reihe psychische Erkrankungen bis hin zum Selbstmord zu verantworten hat. Ich denke, dass Literatur nichts in einer Seele wecken kann, das nicht sowieso schon irgendwie da ist. Aber die manchmal sehr ungünstige Wirkung von Literatur auf die Gemütslage von Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist seit Goethes Werther bekannt.

Aber sind Bella und Emma nicht wenigstens manchmal mutig?

Nun machen Bella und Emma manchmal tatsächlich Dinge, von denen man sagen kann, dass sie mutig sind: Bella fliegt spontan nach Italien und trifft die Volturi, Emma verteidigt während einer Konferenz in Avalon ungefragt die Shellycoats.

Dieses Mindestmaß an Mut möchte ich unseren beiden Protagonistinnen auch überhaupt nicht absprechen – doch jetzt kommt das große ABER.
Wer es nicht weiß: ich habe meine Bachelorarbeit der Frage gewidmet, ob Dietrich von Bern ein Held ist und auch sonst lese ich gern Dinge wie „Die Philosophie bei Batman“. Helden, was sie ausmacht und wen wir so bezeichnen, sind voll mein Ding und ich möchte mal behaupten, von dem Thema wenigstens ein bisschen Ahnung zu haben. Und wenn ich überlege, was im Allgemeinen als heldenhaft, mutig und stark aufgefasst wird – dann passt das mit diesen Büchern einfach nicht zusammen.

Ein sehr großes Problem für mich ist, dass Bella und Emma gleichermaßen ichbezogen handeln. Sie sind in diesen kurzen Momenten des Muts nicht etwa stark, weil sie es lohnenswert finden, für andere stark zu sein – sondern weil es für sie einen unmittelbaren Nutzen hat. Bella und Emma sind beide davon überzeugt, nicht ohne Edward bzw. Calum leben zu können und beide verfolgen einzig das Ziel, eine definitive Trennung zu verhindern. Ich hatte an keiner Stelle das Gefühl, dass sie Mut aufbringen, um ihre Geliebten als Personen zu retten – wie sollten sie auch, ihre Beziehungen basieren ja in erster Linie gar nicht auf Persönlichkeit.
Kurz: mutiges Handeln ist hier an keine höhere Ethik geknüpft, sondern eine Art Überlebensreflex.

Schlimmer ist nur noch, dass zumindest Bella zu ethischem Reflektieren und Handeln in der Lage ist, aber genau dann als schwach gezeichnet wird. Bella ist permanent in Sorge, dass ihre Mitmenschen, allen voran ihr Vater Charlie, von Vampiren angegriffen werden könnten. Wenn sie diese Bedenken äußert, wird sie wahlweise nicht für voll genommen, aus dem Rettungsprogramm ausgeschlossen oder sie stürzt sich Hals über Kopf in Todesgefahr und muss da wieder rausgezogen werden.

Abschließend lässt sich also sagen, dass Bella und Emma zwar Protagonistinnen sind und sich aufrecht den Gefahren der Welt stellen, dass sie gleichzeitig aber keine unabhängigen Charaktere sind, die erfolgreich allein für sich handeln können. Während sie auf den ersten Blick also so wirken, als könnten sie gute Vorbilder für junge Mädchen sein, zeigt sich bei näherer Betrachtung, dass sie ein durchaus fragwürdiges Bild von der Rolle junger Frauen zeichnen.

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