Wie ich aus Fachtexten lerne

Mit zwei geisteswissenschaftlichen Fächern bestand mein Studium zu 80 % aus Lesen, Lesen, noch mehr Lesen und Gelesenes dauerhaft merken.  „Dauerhaft“ nicht im Sinn von „bis zur Klausur“, sondern über Jahre, denn auch wenn man es im ersten oder dritten Semester noch nicht glauben möchte, irgendwann ergibt das ganze Wissen ein Gesamtbild (hoffentlich).

Jenny hat mich letztes Jahr bereits gefragt, wie ich die ganze Sache angegangen bin. Hier findet ihr jetzt die Strategie, die für mich am besten funktioniert und die ich auch weiterhin verwende, wenn ich etwas Neues lernen möchte.

Das Wichtigste überhaupt: Jedes Gehirn ist anders, auch die Erwartungen in jedem Studiengang sind verschieden und deswegen gibt es beim Lernen kein one size fits all. Findet heraus, was für euch am besten passt, aber spielt nicht zu lange herum. Wenn ihr gerade die fünfte Methode zum Erstellen von Mitschriften ausprobiert, ist das sehr wahrscheinlich kein effektives Lernen, sondern Aufschiebeverhalten.

Schritt 1: Material vorbereiten

Im Grunde genommen brauche ich nicht viel:

  • den Ausgangstext in physischer Form
  • Stifte zum Hervorheben
  • Stifte zum Schreiben
  • einen Haftnotizblock
  • einen Schreibblock

Die Textauswahl gehört für mich bereits zur aktiven Lernzeit. Das heißt, ich fange nicht wahllos damit an, Bücher zu bestellen, Kapitel zu kopieren oder Aufsätze auszudrucken, sondern überfliege die Inhaltsverzeichnisse und Zusammenfassungen, um abzuschätzen, was thematisch wichtig ist.

Der Rest des Arbeitsmaterials kann fancy sein, muss er aber nicht. Fürs Lernen ist es egal, ob ihr euch einen sympathischen Wal oder gelbe Rechtecke in den Text klebt. Fühlt euch hier nicht unter Druck gesetzt, sondern nehmt das, was für euch am besten funktioniert.

Einzig mit der Auswahl der Stifte habe ich etwas mehr Zeit verbracht, wobei das meist nebenbei passiert. Wenn man für eine einzige Prüfung 60 A4-Seiten mit handschriftlichen Notizen füllt, sollte das schmerzfrei gelingen – und die Textmarker sollten die harte Arbeit dann natürlich nicht verwischen.

Wenn alles bereit liegt, kann es mit der eigentlichen Arbeit am Text losgehen.

Schritt 2: Den Ausgangstext erschließen

Da ich mich bereits während der Textauswahl thematisch orientiert habe, kann ich mich nun direkt in die Lektüre vertiefen. Sollte ich hier Lesetechniken wie SQ3R verfechten? Vielleicht. Wende ich sie selbst an? Nicht wirklich.

Ich persönlich lese Sach- und Lehrtexte sehr linear (also vom Anfang zum Ende, ohne im Text vor- und zurückzuspringen) und halte Absatz für Absatz die gleichen Schritte ein:

  1. Den Absatz komplett lesen.
  2. Die Schlüsselinformationen gedanklich zusammenfassen.
  3. Die Wichigkeit der Informationen abschätzen.
  4. Den Absatz erneut lesen und dabei das Wichtige markieren.
  5. Ergänzungen und Fragen eintragen.

Mein persönliches Studienmantra lautet Markiere niemals beim ersten Lesen.“ Wenn ich nämlich schon beim ersten Lesen markiere, male ich rund zwei Drittel Text an. Die Markierungen sollen später bei der Orientierung im Text und dem schnellen Wiederfinden von Informationen helfen; das können sie aber nur, wenn sie sparsam gesetzt wurden.

Zum Markieren verwende ich zwei verschiedene Techniken:

Wenn die Zeilenhöhe und Papierqualität es zulassen, arbeite ich am liebsten mit Textmarkern. Im Laufe der Zeit habe ich ein Farbschema entwickelt, das ich auf jeden Text anwende:

  • Gelb/Orange = Jahreszahlen und Orte
  • Lila/Blau = Personen und Werke
  • Rosa/Rot = Kernbegriffe, wichtige Konzepte
  • Türkis/Grün = Erklärungen zu den oben genannten Kategorien

Der Schlüssel liegt hier in der Automatisierung: ich muss nicht mehr darüber nachdenken, was ich wie kennzeichne und halte dadurch mehr kognitive Ressourcen für das Wesentliche frei.

Bei kleinerem Text oder besonders saugstarkem Papier, bevorzuge ich unterschiedliche Unterstreichungen und Umrahmungen. Auch hier habe ich ein festes Muster für die gleichen vier Kategorien.

Schritt 3: Das Lernskript erstellen

Bevor ich mit dem Schreiben der Lernskripte beginne, steht etwas mentale Aufräumarbeit: ich überlege mir, in welcher Reihenfolge ich alles aufschreiben möchte und ordne meine Ausgangstexte entsprechend an.

Ins Lernskript kommen nur die hervorgehobenen Stellen der Ausgangstexte sowie meine Ergänzungen.

Für das Erstellen der Skripte gelten die gleichen Prinzipien wie auch schon bei den beiden vorangegangenen Schritten:

  • Sie können am Ende fancy sein, müssen aber in erster Linie sowohl beim Erstellen als auch anschließend beim Wiederholen funktionieren.
  • Automatisierung ist das A und O, damit mehr Gedanken beim Inhalt bleiben.

Die allermeisten meiner Skripte sahen daher nicht so aus wie das linke im Bild, sondern wie das rechte. Mit einer einzigen Stiftart runtergeschrieben, Überschriften ersten und zweiten Grades schnell hervorgehoben.

Ob ihr Skripte mit der Hand oder am Computer erstellt, ist meiner Meinung nach relativ egal, solang ihr den Computer nicht zum Abkürzen verwendet. Am Ende zählt, wie oft ihr den Stoff bewusst wiederholt habt und Copy + Paste nimmt da natürlich viel weg.

Was außerdem wichtig ist: egal in welcher Sprache eure Ausgangstexte vorliegen, erstellt das Lernskript immer in der Sprache, in der ihr die Klausur schreiben werdet.

Schritt 4: Wiederholen

Beim ersten Wiederholungsdurchgang lese ich das gesamte Skript und markiere es mit dem gleichen System wie in Schritt 2 beschrieben.

Danach wiederhole ich in drei Levels:

  • Level 1: Ich gucke mir alle Überschriften und farbigen Markierungen an und hole den Rest aus meinem Gedächtnis.
  • Level 2: Ich gucke mir alle Überschriften und nur noch die rosa/roten Markierungen an und hole den Rest aus meinem Gedächtnis.
  • Level 3: Ich gucke mir nur noch die Überschriften an und hole den Rest aus meinem Gedächtnis.

Wenn ein Level zu einfach wird, steige ich ins nächste auf. Wenn ein Level zu schwierig ist, nehme ich nur das nächst niedrigere zur Hilfe. Dadurch rufe ich immer größere Mengen aus dem Gedächtnis ab, bis ich das Skript irgendwann nicht mehr brauche.

Dieser gesamte Vorgang nimmt etwa vier bis acht Wochen in Anspruch und das ist im Studium vollkommen normal. Es ist viel Zeit und viel Arbeit, aber wie ich zu Beginn geschrieben habe: ich habe nicht nur für Klausurtermine gelernt.

Mit dem hier beschriebenen Vorgehen habe ich sowohl auf der inhaltlichen als auch auf der strategischen Seite ein solides Fundament für lebenslanges Lernen angelegt. Mittlerweile sitzt der Kernprozess nämlich so sicher, dass ich ihn für mehr spaßorientiertes Lernen einfach abwandeln kann.

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