Weshalb „jemensch“ keine Lösung ist

Mit geschlechtergerechtem Sprachgebrauch wurde ich zum ersten Mal zu Beginn meines Studiums konfrontiert. Am Anfang fand ich es mehr als mühsam, und auch jetzt finde ich es noch anstrengend – aber auch notwendig. Ich lese Dinge darüber, wie Sprache geschlechtergerecht funktionieren kann und manche Beiträge veröffentliche ich hier auch nur zähneknirschend, weil ich weiß, dass meine Wortwahl nicht neutral ist.

Was mir als Teilzeitgermanistin aber immer sauer aufstößt, ist die oberflächliche Auseinandersetzung mit der Etymologie, durch die Probleme gelöst werden sollen.
So sind zum Beispiel die unpersönlichen Pronomen „man“ und „jemand“ unter Feministinnen und Feministen verpöhnt, weil sie zu stark an das Wort „Mann“ angelehnt seien. Aus diesem Grund geistern nun auch Formen wie „jemensch“ durch das Internet.

Zufällig steht bei mir ein etymologisches Wörterbuch im Regal (Danke, Mama!), werfen wir da also mal einen Blick hinein:

jemand FW mhd. ieman, iemen, ahd. eoman, ioman. Zs. aus io immer + man → Mensch. Das -d ist spätmhd. (wie in →irgend, →niemand, →weiland) angetreten.

Mackensen, Lutz (1988): Ursprung der Wörter. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Frankfurt/M; Berlin: Ullstein: S. 194.

Vielleicht ahnt ihr an dieser Stelle bereits, dass „jemensch“ als Lösung irgendwie problematisch ist, aber wir sind ja noch nicht ganz fertig:

Mensch m. mhd. mensch(e), ahd. menn-, mannisco; Subst. zum Adj. ahd. mennisc menschlich (got. mannisks); eigtl. = der Männliche. Wie →Mann zur idg. Wurzel *men– denken.

Ebd.: S. 258.

Wenn „man“ etymologisch für „Mensch“ steht und „Mensch“ eigentlich „der Männliche“ heißt – dann haben wir aus Frauensicht mit „jemensch“ überhaupt nichts gewonnen.

Dass unsere Sprache die beiden Geschlechter nicht fair oder gar gleich behandelt, kann man finden, wie man will – aber es ist eine Tatsache. Daran wird sich auch solange nichts ändern, bis wir Material aktiv neu schöpfen und nicht nur bereits vorhandene Bausteine neu zusammensetzen. Vielleicht fühlen wir uns schlau und überlegen, wenn wir nicht mehr „jemand“ sondern „jemensch“ sagen. Die Wahrheit ist aber, dass der Unterschied dabei nicht größer ist, als würden wir Sahne beim Kochen in Zukunft durch Rahm ersetzen.
Inwiefern sprachliche Gleichheit tatsächlich sinnvoll oder überhaupt möglich sein kann, ist eine Grundsatzdiskussion, die ich an dieser Stelle nicht führen möchte. Wenn wir als Gesellschaft aber darin übereinnkommen, dass wir uns dieses Ziel setzen, dann wird es noch viel Zeit und Anstrengung kosten, bis sprachliche Gleichheit auch nur annähernd in Reichweite gerät. Bis dahin kann sich aber, wer möchte, daran erfreuen, dass „der Mann“ einem sächlichen Deklinationsmuster unterliegt.

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