Welche Erfolge sollten wir feiern?

Vor einigen Wochen habe ich wieder begonnen, an einem Tag des Wochenendes bouldern zu gehen. Ich kann nicht in Worte fassen, wie sehr mir das Spiel mit der Schwerkraft und die tänzerischen Bewegungen gefehlt haben. Vor allem schätze ich aber, wie klar meine Gedanken dabei werden.
Die Boulder-Sessions an diesem und den letzten beiden Wochenenden waren sehr unterschiedlich – gemeinsam hatten sie lediglich, dass ich während des Boulderns zwar glücklich war, sich aber bereits auf dem Heimweg der innere Kritiker zu Wort meldete. Mal geht es darum, dass ich Risiken unterschätze und deswegen mit großen blauen Flecken oder Schürfwunden von der Wand gehe, dann liegt es wieder daran, dass ich Risiken (vor allem Verletzungsrisiko für Schultern und Knie) aus dem Weg gehe, und manchmal liegt es in der Natur des Kletterns selbst, dass eben nicht jedes Boulderproblem im ersten Anlauf oder an einem Tag zu lösen ist.
Dabei habe ich mir an den letzten drei Wochenenden viel zugetraut, meinen ersten erfolgreichen Heelhook gesetzt, Sloper angefasst, ohne sofort von der Wand zu fallen, einige interessante Schlüsselstellen gemeistert.

Ich sollte mich nicht schlecht fühlen, wenn ich mir Bewegungssequenzen zeigen lasse. Ich sollte mich auch nicht weniger schlecht fühlen, wenn ich einen Boulder aufgebe, weil ich mich körperlich zu klein fühle.
Jede gelöste Schlüsselszene beim Bouldern ist ein Erfolg – egal, ob das beim 1. Versuch passiert oder beim 100. und ob ich anschließend noch die Kraft habe, den Zielgriff zu erreichen. Jede Bewegungssequenz, die mir das Gefühl gibt, in meinem Körper voll zu Hause zu sein, ist ein Erfolg. Fortschritt ist Fortschritt, egal wie klein – auch eine Form von Erfolg. Wenn wir es uns erlauben, dann können wir eigentlich recht viele Dinge als kleine Erfolge erkennen.

Es ist vollkommen okay, einen Zielgriff anzufassen, von der Wand zu springen und dann die Arme in Siegergeste zu pumpen. Für mehr #queenoffuckingeverything – beim Bouldern, beim Yoga, beim Masterarbeitschreiben, überall.
Das Grandiose ist nämlich: ich hatte eine wirklich schwere Lese- und Schreibblockade bei der Masterarbeit, aber seitdem ich es zulasse, mich wegen kleiner Erfolge beim Bouldern gut zu fühlen, verschwindet diese Blockade. „Kill them with kindness“ scheint auch bei inneren Dämonen und dem Monster unterm Bett zu helfen.

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