Was sollen wir lernen? „Digital macht schlau!“

Die GEO titelte auf ihrer Dezember-Ausgabe (2014) nicht gerade bescheiden: Digital macht schlau! So nutzen Eltern und Lehrer die neuen Chancen“.  Als Fachtextleserin, digital Lebende und angehende Lehrerin zog mich die Ausgabe natürlich an und so durfte sie neben ihren vielen anderen grünen Schwestern in mein Regal einziehen.

Ein paar Worte zum Artikel

 

Meine Erwartungen an den Artikeln rührten primär vom Untertitel der Titelseite. (Es ist mir nach wie vor ein Rätsel, mit welchem Titel ich GEO-Artikel anzitieren soll, weil die Artikel selbst oftmals einen anderen Titel tragen als den, der im Inhaltsverzeichnis verzeichnet ist – aber das nur am Rande.) Ich muss nicht mehr von der digitalen Welt überzeugt werden, ich möchte wissen, wie ich sie aktiv und schöpferisch in die Schule bringen kann. In dieser Hinsicht war der Artikel leider absolut enttäuschend. Viel Meinung, wenig Fakten und noch weniger konkrete Ideen zur flächendeckenden Umsetzung. Dem Stern hätte ich einen solchen Beitrag durchgehen lassen, der GEO verüble ich ihn etwas.

GEO 12/2014: Internet macht schlau

Was ich aus dem Artikel mitnehmen konnte:

  • Analoge Schulen bereiten nicht auf die Zukunft vor, sondern auf das Gestern.
  • Das Phänomen der Digitalen Demenz gibt es nicht.
  • Es gibt einen großen Unterschied zwischen Eingabetechniken und echter Medien-/Informationskompetenz.

Neu davon war mir nichts. Ich hoffe aber, dass der Artikel wenigstens ein paar Leute für die Problematik sensibilisieren und zum Umdenken bewegen kann.

Meine persönliche Meinung zum Thema

Vor allem den ersten von mir gelisteten Punkt des Artikels möchte ich mehrfach, dick und mit mehreren Farben unterstreichen. In Gesprächen mit anderen Lehramtsstudierenden oder auch fertig ausgebildeten Lehrenden erschrecke ich manchmal über deren Einstellung zu Smartphones und anderen Gadgets oder Computern ganz allgemein.
Bin ich selbst ein digital native und werde damit eine neue Generation von Lehrenden stellen? Ich weiß es nicht. Ich fühle mich nicht so, sondern als wäre ich irgendwo dazwischen. Ich bin alt genug, um Internet, MP3-Player und Smartphone nicht als von Natur gegeben zu betrachten, aber auch jung genug, um technische Neuerungen nicht als Bedrohung sondern vielmehr als Chance wahrzunehmen. Dabei bezieht sich die Einteilung in „jung“ und „alt“ nicht auf das biologische Alter, sondern auf meine Einstellung.
Ich kann mich noch daran erinnern, wie viel Mühe das Erstellen von Mix Tapes gekostet hat – und bin eben genau darum dankbar dafür, auf meinem MP3-Player Musik für alle Stimmungslagen in meiner Hosentasche durch die Welt tragen zu können. Ich weiß, dass es unzählige Lernprogramme und Vokabeltrainer für das Smartphone gibt – schreibe aber weiterhin lieber Vokabellisten und Karteikärtchen. Ich lebe in zwei Welten, suche mir aus beiden Welten das für mich Passende aus und versuche, die jeweiligen Nachteile und Gefahren einzugrenzen. Ich bin ein Hybrid.

Natürlich habe ich nicht die Deutungshoheit darüber, wie guter Umgang mit Technik aussieht. Nur allzu oft habe ich allerdings das Gefühl, dass es im Hinblick auf Schule nur zwei Lager gibt: die grenzenlosen Optimisten auf der einen Seite und die Bewahrer der abendländischen Kultur auf der anderen Seite.
Bisher wurde gefühlt bei jedem Wechsel des Leitmediums der Untergang des Abendlandes ausgerufen. Buchdruck? Wo kommen wir denn hin, wenn die Leute einem Stück Papier mehr vertrauen als ihrem eigenen Gedächtnis?! Zu Beginn wurde übrigens auch, und das wird im Artikel korrekt dargestellt, der Roman als gefährlich betrachtet, weil er so gar nicht zu den Idealen der Aufklärung passte. Wer einen Roman liest, zieht sich schießlich aus dem sozialen Leben in eine Scheinwelt zurück. Ich könnte „wer einen Roman liest“ problemlos durch „wer Online-Rollenspiele spielt“ ersetzen und niemand würde sich wundern.
Bisher verlief jedoch jeder Wechsel des Leitmediums, das verrät uns die Geschichte, am Ende erfolgreich. Angst vorm technischen Wandel, der heute schneller ist als je zuvor, ist zu einem gewissen Grad verständlich – aber meiner Meinung nach auch etwas übervorsichtig.

Gleichzeitig werde ich jedoch auch mit jenen nicht warm, die jegliches Unterrichtsgeschehen an einen Bildschirm verlagern wollen.
Mein Leben richtet sich nach der Maxime des Grundgesetzes, dass jeder Mensch das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit hat. Freiheit liegt immer in der Wahl: „One choice is no choice“. Dass für mich handgeschriebene Vokabelkarten am besten funktionieren, weiß ich nur, weil ich auch Apps für das Smartphone ausprobiert habe. Schule sollte viel mehr Offenheit zulassen. Eine Schülerin möchte die e-Version des Lehrwerks und alle Texte und Übungen auf dem Tablet-PC bearbeiten? Wunderbar! Ein Schüler hängt an der Printversion des Materials? Ebenso großartig! Ich weiß nicht, was so schwer daran ist, die Verschiedenheit von Menschen zu akzeptieren. (Ich rede hier von einer inneren Haltung, nicht den Grenzen der Machbarkeit, in 45 Minuten auf 28 Schüler individuell einzugehen, was ein ganz anderes Problem der Bildungseinrichtungen in Deutschland ist.)
Ich bin mit meinem hybriden Leben glücklich und habe meinen Modus gefunden. Ich weiß aber auch, dass es ein langer Prozess war, bis ich zu diesem Modus gekommen bin, und dass es Menschen gibt, die völlig anders funktionieren. Auf diesen Abgleich, den ich immer wieder in meiner Umwelt suche, möchte ich als Lehrerin später nicht verzichten. Ich möchte nicht ins Klassenzimmer spazieren und so tun, als wäre nur mein Weg der richtige.

Wenn ich Schüler dazu anleiten möchte, ihren eigenen Modus zu finden, dann muss ich ihnen aber auch die Freiheit zum Experimentieren lassen. Schule soll schließlich nicht nur in meinem Verständnis auf den Rest des Lebens vorbereiten.
Smartphones und die unendlichen Weiten lenken vom Wesentlichen ab? Das kenne ich aus eigener Erfahrung, weil auch ich mich nur zu gern ablenken lasse – aber genau darum wäre es wichtig, den Umgang damit zu üben. Schließlich werden zum späteren Leben nun mal Smartphones und das Internet gehören. Vielleicht war es vor 10 Jahren noch möglich, sich ganz fest einzureden, dass sich solche Technologien niemals durchsetzen werden – heute grenzt diese Einstellung jedoch an pathologische Verdrängung.

Leider erlebe ich es immer häufiger, wie dieser Fortschritt ignoriert oder weggeredet wird. Darum sehe ich das Problem schlussendlich auch nicht in der Schule selbst, sondern in unserer Gesellschaft im Großen.
Statt einen offenen Diskurs über Überwachung und die neue Macht des Internets zu sprechen, basteln wir kleine Notbehelfe. Die Zahl der mit Papierstreifen abgeklebten Webcams an deutschen Laptops steht in keinem Verhältnis zur Grundlagendebatte über digitale Sicherheit. Wenn ich regelmäßig Spannungskopfschmerzen habe, dann gehe ich irgendwann zum Physiotherapeuten und lasse mir die ursächliche Verspannung rauskneten, statt mir ständig Kopfschmerztabletten einzuwerfen, als wären es Smarties. Warum diskutieren wir aber im Hinblick auf Kommunikationsmedien ständig über die Symptome, aber nur sehr selten über die Ursachen?
Meiner Meinung nach brauchen wir darum in erster Linie keine Klassensätze von Tablet-PCs, sondern vielmehr den Mut, als Gesellschaft den Sprung in die Gegenwart zu wagen und uns auch unbequemen Fragen ehrlich zu stellen.

2 Comment

  1. Ich hoffe sehr, sehr, sehr, dass du dir diese Einstellung und Offenheit auch nach vielen Jahren Schuldienst noch behälst.
    Lehrer mit solchen Einstellungen brauchen wir meiner Meinung nach um Kinder/Jugendliche so richtig lebensfähig zu machen.

    Ich gehöre auch zu den Hybriden (übrigens super Beschreibung!) und kann zum Beispiel nur mit Papier so wirklich gut lernen. Auf dem Bildschirm gelesene Texte bleiben nicht so richtig hängen.
    Der Rest des Lebens läuft aber viel mit Smartphone und Laptop ab.

    Diese Vielfalt der Möglichkeiten ist doch das tolle an unser heutigen Zeit. Und wir sollten alles versuchen, damit die Bürger der Zukunft dazu bereit sind diese Vielfalt so zu nutzen, dass sie gut leben können. Dazu ist es nötig, ihnen alte wie neue Medien nahe zu bringen.
    Was bringt es ihnen, wenn sie (überspitzt gesagt) nie in ihrem Leben ein Buch in der Hand hatten, sondern immer nur Tablets und dann auf einmal analog recherchieren müssen. Dann wären sie aufgeschmissen. Andersrum natürlich genau so.

    1. Christin says: Antworten

      Ich hoffe es auch sehr – und vor allem hoffe ich, dass mich jemand darauf hinweist, wenn ich unflexibler und engstirniger werde. Das kann ja mit dem Alter kommen, weiß man aber vorher nicht so genau.

      Die Schwierigkeit sehe ich darin, wie verbohrt sich viele Menschen (in meinem Umfeld) auf ein Medium einrichten.
      Letztes Jahr sollten wir in einem Seminar in einem Wiki Protokoll über die einzelnen Seiten führen. Da beschwerten sich viele Lehramtsstudierende, dieses Ausmaß an Technik würden sie in ihrem Berufsleben später doch sowieso nie benutzen. Als ich erzählte, dass es an meinen Lycées in Frankreich keine Print-Klassenbücher mehr gab, sondern nur noch – man ahnt es vielleicht – Wikis, war die schnippische Antwort „Aber mir reicht ein normales Klassenbuch!“ Ja, als ob’s im Schulalltag immer danach ginge, was mir als Lehrerin reicht oder was ich persönlich gut finde.
      Genauso denke ich mir aber auch: Wenn wir alles ins Internet auslagern, was machen wir dann bei einem Servercrash? Ich weiß nicht, wie groß die Daten sind, die sich pro Schulbezirk mit Wiki-Klassenbüchern so anhäufen – aber es wäre zu hoffen, dass die Technologie der Blockchain Fortschritte macht und wirklich gäng wird, einfach weil die Überprüfbarkeit von Unterricht ein heikles Thema ist und ein Crash oder Angriff beim zentralen Schulserver schlimme Folgen haben könnte.

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