Warum sind Menschen immer schwächer als Außerirdische?

Auf Tumblr stieß ich neulich auf genau diese Frage: Warum sind in SciFi-Filmen und Büchern die Menschen (so gut wie) immer den neu entdeckten Lebensformen unterlegen? Es folgten ausufernde Darstellungen, warum Homo sapiens sapiens eigentlich doch ziemlich bad-ass ist.
Ich war mittelschwer irritiert.

Fiktion gibt uns die unglaubliche Möglichkeit, eine alternative Welt zu kreieren und darin Was-wäre-wenn-Szenarien durchzuspielen. Dank Fiktion können wir Erfahrungen machen, die in der realen Welt nicht möglich sind. Je stärker die erzählte Welt von unserer eigenen abweicht, desto mehr Freiheiten gibt, desto weniger Konventionen unserer erlebten Welt müssen beachtet werden.

Mit der Entdeckung des Universums – neuer Planeten und neuer Lebensformen – kann die Entdeckung unserer Welt durch Homo sapiens sapiens nachgestellt werden, nur mit anderem Ausgang.
Überall, wo Homo sapiens sapiens auf Lebensformen gestoßen ist, die er als sich unterlegen betrachtete, waren und sind Unterdrückung, Versklavung und Genozid die Folge – auch innerhalb der eigenen Art. Der Anthropozentrismus und Eurozentrismus, durch den die meisten Menschen in westlichen Kulturen die Welt sehen, beruht darauf, dass wir über uns häufig noch nicht einmal Gott akzeptieren.
Das Roden des Regenwaldes. Überfischung. Die Vertreibung der Arawak durch die Kariben. Die Vertreibung der Kariben durch die Europäer. Massentierhaltung. Reservate für bedrohte Tierarten. Reservate für ethnische Randgruppen. Konzentrationslager. Apartheid. Vergewaltigungen. Ferguson. Die Liste kann unendlich fortgeführt werden – in allen Zeitaltern, auf allen Kontinenten.

Andere Lebensformen dürfen im Film die Überlegenen sein, weil sie die besseren Gewinner sein können. Als Optimus Prime darum bat, die Menschen nicht auszulöschen, weil sie noch eine junge und dumme Spezies sind, die noch lernen muss und sich, wenn man ihr nur die Chance gibt, bessern kann, kullerten bei mir im Kino die Tränen.
Statt eine bessere Welt zu zeichnen, hat Fiktion aber auch die Möglichkeit, Homo sapiens sapiens in seine Schranken zu weisen. Darum sind Szenen wie die, in der Prinz Nuada „Dies soll euch daran erinnern, warum ihr die Dunkelheit einst fürchtetet.“ verkündet und anschließend die Truhe mit den Zahnfeen öffnet ebenso wichtig.

Wir haben bereits Bücher, in denen erzählt wird, was passiert, wenn Homo sapiens sapiens eine Neue Welt entdeckt und erobert. Sie erzählen von Christopher Columbus, von den Hutu und Tutsi, vom Beutelwolf und vom Dodo, von Mikroplastik im Ozean.
Wir können jeden Tag neue Geschichten schreiben, die davon handeln, was passiert, wenn Homo sapiens sapiens die Wahl hat, Unterdrücker oder Unterstützer zu sein. Zurzeit handeln sie oft von brennenden Flüchtlingsheimen und billigen T-Shirts aus Kinderarbeit.

Wir müssen uns im Kinosaal nicht vorstellen, an Selena Gomez‘ Seite einen neuen Planeten zu betreten und über dessen Schicksal zu richten. Wir können wir selbst bleiben und uns fragen, ob wir Optimus Prime dankbar sein und Prinz Nuadas Zorn verstehen möchten.
Der Mensch ist in SciFi unterlegen, weil wir so mehr lernen können.

2 Comment

  1. Roman says: Antworten

    Weil das Außerirdische, wie es der Name schon sagt, das Andere ist, ähnlich dem Verhältnis Tier-Mensch, das so eigentlich gar nicht unterscheidbar wäre, würden wir uns nicht die Frage nach dem Menschen konstruieren. Eine Frage, die im Übrigen unbeantwortet bleiben wird. Im Science Fiction, beziehungsweise Science Fantasy, wenn es hier auch um Hellboy geht, wird einfach mit der Rangfolge gespielt. Da werden wir von künstlicher Intelligenz überholt, von einer technisch versierten, aber uns unverständlichen Kultur eines Organismus eingeäschert oder wie bei Dr. Who auch mal von unserer eigenen Evolution bedroht. Schön lässt sich am Invasionsfilm aber meist zeigen, dass plötzlich die Differenzen unter Menschen vergessen werden, um gemeinsam und in repräsentativen Einstellungen um den ganzen Erdball für unseren Lebensraum einzustehen. Zeitweilig, denn dahinter steckt auch nichts weiter als der Egoismus des Stärkeren. Genauso würde sich der Mensch jederzeit dem Tier gegenüber verbünden.
    Tritt nun aber der Mensch als benachteiligt in den Kampf um seine Existenz ein, würde ich das in den meisten Fällen der Dramaturgie zuschreiben. Im Kollektiv werden wir der Held bleiben, der sich entwickelt. Mir sind im Moment keine Themen bekannt, wo eine interne Fokalisierung auf das Fremde vorliegt und der Mensch das Tier wird. Das liegt daran, dass wir uns als Menschen nur schwer in Beweggründe des Fremden hineinversetzen können. Schließlich dient die Übermacht von Außen dann nur unserer Evolution. Da hat Optimus Prime schon Recht, wenn er uns als dumm bezeichnet. Ich würde das aber mehr als Rechtfertigung unserer selbst sehen, denn es ist schließlich noch Fiktion. Das hat nicht irgendein Roboter als dem Weltraum gesagt, sondern ein Drehbuchautor. Das Schlimme daran ist, dass wir uns für alles rechtfertigen müssen, sei es in der Rolle des Schwächeren, unfähig uns selbst zu begreifen oder in der Rolle des Stärkeren, überheblich gegenüber der Natur seit es nur geht. In der Bibel gab nicht Gott den Kreaturen ihre Namen, sondern der Mensch. So besitzt dieses Wesen seit es denken kann, ein Alleinstellungsmerkmal.
    Film eröffnet in der Hinsicht zudem noch einen ganz besonderen Blick auf das Fremde, den wir festlegen. Die Kamera erlaubt es, jedes noch so gefährliche Tier oder nicht existente Wesen einzufangen, ohne die Gefahr des bewegten Bildes je physisch in den Saal dringen zu lassen. Klar können wir uns da zurücklehnen. Käme eine richtige Invasion, wäre nicht einmal gesagt, ob wir unsere Auslöschung je mitbekämen. Die Kamera eröffnet uns einen mathematisierten Raum, wie er mit der Chronofotografie geschafft wurde. Das Resultat ist eine Dekonstruktion von Abläufen, die unsere Wahrnehmung nie verarbeiten könnte. Hinzu kommt die fragmentierte Multiperspektivität, die Animation in Filmen wie Transformers und erneut unsere Stellung im Kino. Endgültige Immersion ist unmöglich, denn wir wissen, wir können den Saal jederzeit verlassen. Wir haben die Macht über die uns dargebotene Realität und in einer einfachen Bewegung drehen wir ihr den Rücken zu. Mit einem Fingerschnipp werden wir so zu Gott und sind allem überlegen, selbst den armen uns ebenbürtigen Kreaturen von Menschen, die in ihrer Welt nun untergehen.
    Und dann treten wir aus dem Kino und sie landen wirklich, die Außerirdischen. Wir lernen nicht ihre Sprache, wir fragen nicht nach ihrer Kultur oder ihren Namen. Das funktioniert andersrum. Da mögen wir physisch und intellektuell so manch einem Invasoren hinterher sein, unser Ego bleibt aber bad-ass wie eh und je. Shoot first, ask questions later.

    1. Christin says: Antworten

      Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar!

      Bei Filmthemen hast du einfach mehr Ahnung, zumindest was die filmspezifischen Aspekte angeht. Ich kann mich nur auf die klassische Literaturtheorie und die Kulturwissenschaften beziehen.

      Natürlich erzählen unsere Medien immer aus einem durch den Überlegenheitsgedanken geprägten Blickwinkel. Anders geht es nicht, eben weil, wie du schon schriebst, ja keine Intelligenz aus dem All die Romane oder Drehbücher schreibt, sondern ein Mensch. Am Ende ist ja auch Verneinung eine Form von Bezug.
      Entscheidender finde ich aber, was du auch eingebracht hast, die Macht des Zuschauers bzw. Lesers. Es liegt an mir allein, inwiefern ich Immersion zulasse, auch wenn 100% sicherlich nicht erreicht werden können. Aristoteles ging sicherlich davon aus, dass die Zuschauer im Theater sich willig auf das Gezeigte einlassen, denn unter anderen Umständen ist Katharsis schlicht unmöglich.
      Und je nach Immersionsgrad spielt dann auch der Autor keine Rolle mehr. Er ist sowieso nicht im Raum, um Fragen zu beantworten. Wenn ich mich auf den Film einlasse und mich nicht vom Knistern der Nachos zwei Reihen hinter mir ablenken lasse, dann spricht da Ominus Prime als eigenständige Figur und nicht nur als Machwerk eines Autors. Das ist er natürlich, keine Frage, aber das kann ich ausblenden.
      Es ist auch eine der großen Fragen in der Literaturwissenschaft: Wenn eine Figur in einem Theaterstück ruft, dass Angela Merkel geköpft werden muss, und ein Zuschauer geht los und macht es – wessen Schuld ist das dann?

      (Bonuspunkte dafür, dass du Hellboy erkannt hast. Yeah!)

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