„War doch nur Spaß!“ – Ein paar Gedanken zu Meinungsfreiheit

Neulich laß ich auf Twitter einen Witz, in Englisch verfasst, und der ging ungefähr so:

Wie viele Deutsche braucht man, um eine Glühbirne auszutauschen? – Einen. Deutsche sind sehr effizient und haben keinen Sinn für Humor.

Ich schmunzelte, weil ich mich etwas ertappt fühlte. Andere Deutsche auf Twitter schmunzelten nicht, sondern antworteten darauf, dass der Spruch echt mies sei, was sich der Schreiber denn einbilde, wer er sei, so einfach Deutsche zu bewerten und zu verurteilen – womit sich der Teil mit „haben keinen Sinn für Humor“ ironischerweise bewahrheitete.
Nun drehte sich der Spieß um und es sind wir, die Deutschen, bzw. Dieter Nuhr, die Witze über andere, nämlich Muslime, machen – und jetzt werfen wir, die wir uns über einen Glühbirnenwitz aufregen, den Muslimen vor, sie zeigten nicht genug Humor. War doch nur Spaß und wir haben hier ja Meinungsfreiheit!

Ich möchte an dieser Stelle nicht in die Islam/Islamismus-Debatte einsteigen, sondern den Vorfall als Aufhänger dafür zu nehmen, über Meinungsfreiheit und Demokratie zu sprechen.

Mir wurde als Kind beigebracht, dass meine persönliche Freiheit dort endet, wo die persönliche Freiheit eines anderen anfängt. Das steht so ähnlich übrigens auch im Grundgesetz der BRD:

Art. 2 [Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit] (1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.

Grundgesetz, 39. Auflage (2004). Beck-Texte im dtv: S. 15

Die Meinungsfreiheit ist ein unglaublich wichtiges Gut, verankert in Artikel 5 unseres Grundgesetzes. Auch da wird allerdings betont:

Art. 5 [Meinungs- und Pressefreiheit; Freiheit der Kunst und der Wissenschaft] (2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze (…)

Ebd.: S. 16

Ich erlebe es in letzter Zeit immer häufiger, dass Menschen, die ein Kontra bekommen, sich sofort auf die Meinungsfreiheit berufen – dass andere Menschen ebenfalls Freiheiten und Rechte genießen, wird da nur zu gern ausgeblendet.
Meinungsfreiheit heißt nicht, dass ich sagen darf, was ich möchte und alle Menschen dann mit mir einverstanden sein müssen. Meinungsfreiheit heißt, dass ich im Rahmen der deutschen Gesetzgebung sagen darf, was ich möchte, und dafür nicht vor Gericht gestellt werde.

Dazu ein kleiner Comic aus den USA:

„Free Speech“ von xkcd

Am meisten stört mich an der Verteidigung der eigenen Meinung auf Grundlage von „War doch nur Spaß!“ aber, wie andere Menschen oder Menschengruppen damit gegängelt und in ihren Rechten und Freiheiten eingeschränkt werden bzw. werden sollen.
Es liegt nicht an Männern zu entscheiden, auf welche Frauenwitze ich verletzt reagieren darf oder nicht – sondern an mir und meinen „Befindlichkeiten“. Es liegt auch nicht an mir als Westeuropäerin zu entscheiden, wo cultural appropriation beginnt und was andere Ethnien hinnehmen müssen – sondern an den jeweiligen Ethnien. Kurz: Es liegt niemals an den Tätern zu bestimmen, ab wann ein Opfer sich als Opfer sehen darf.
„War doch nur Spaß!“ heißt, dass ich die Möglichkeit von Fehlverhalten sofort von mir wegschiebe und den Fehler auf der anderen Seite suche. Das Problem ist damit nämlich nicht mehr, dass ich etwas Falsches, Verletzendes oder schlichtweg Unüberlegtes gesagt habe, sondern dass mein Gegenüber einen fehlerhaften (nämlich nicht mit genug Humor ausgestatteten) Charakter hat.

Demokratie ist ein Seiltanz zwischen dem Willen der Mehrheit und dem Schutz der Individualität. Beides zusammen funktioniert nicht zu 100%. Darum ist die Grundlage einer Demokratie eine Gesellschaft, in der der Einzelne mitdenkt, abwägt und eigenverantwortlich handelt. Darum heißt Demokratie auch unablässige Aushandlung von Freiheiten und Grenzen, nicht nur vor dem Gericht, sondern auch im Umgang miteinander – aber ohne die Grundbereitschaft zu Respekt und Verständnis funktioniert dies nur schwerlich.

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