Vom Potenzial-verschwenden und Den-richtigen-Moment-finden

oder: Weshalb ich mit dem Referendariat lieber gewartet habe.

Jede Sinfonie hat ein Hauptthema, das sich regelmäßig in Abwandlungen wiederholt. Das Hauptthema meines Lebens wird vom schmetternden Einsatz der Blechbläser dominiert und lautet „Christin, du verschwendest dein Potenzial!“ – bei der Wahl meiner Leistungskurse (Warum nimmst du zwei Fremdsprachen und nicht Mathe, das kannst du doch auch?), bei der Studienbewerbung (Warum denn ausgerechnet Lehramt, dein Abi reicht doch auch für Medizin oder wenigstens Jura?) und zuletzt bei meiner Entscheidung, nicht sofort ins Referendariat zu springen (Warum hörst du eigentlich nie?).

Als wäre Potenzial eine Währung, von der man bei der Geburt eine bestimmte Menge x bekommt und dann im Laufe des Lebens ausgibt.

Potenzial ist jedoch vielschichtig und es kann wachsen, aber nur wenn die Umwelt passt – und was ist da besser als ein drastischer Umgebungswechsel?
Mich für eine Stelle im Kundenservice zu bewerben, war zwar nicht der offensichtlichste Weg, im Herbst 2015 aber der passende. Hier sind einige Gründe, weshalb es für mich gut war, das Referendariat zu verschieben und mir einen Übergangsjob zu suchen:

Neue Menschen, neue Ansichten

Kennen hier alle das Klischee von Lehrer_Innen, die auch in Ihrer Freizeit fast nur mit anderen Pädagog_Innen zusammen sind, gerne auch in Form einer festen Partnerschaft? Ja? Wunderbar, dann sollte es ja niemanden überraschen, dass das schon im Studium beginnt.

Aus Gründen, deren Erläuterung den Rahmen dieses Beitrags sprengen würde, tun sich Lehramtsstudierende gern mit ihresgleichen zusammen und bauen dann fleißig an ihrer Filterblase.
Ein Effekt davon, den ich mit Sorge und auch mit Traurigkeit beobachte, ist zum Beispiel, dass Fremdsprachlehrer_Innen Bücher in ihrer Zielsprache nicht mehr lesen, weil es ihnen Spaß macht oder sie ihre eigenen Sprachkenntnisse erweitern möchten, sondern immer erst danach bewerten, ob es unterrichtsrelevant ist.
Deutlich kritischer finde ich zudem, dass viele (angehende) Lehrer_Innen keine eigenen Erfahrungen mit anderen Lebenswelten sammeln, im Beruf aber mit Menschen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen arbeiten und diese auch verstehen müssen.

Die Belegschaft in meinem Callcenter ist ziemlich heterogen: von Menschen ohne jeglichen Abschluss über Wartesemester-Sammler bis hin zu fertig studierten Geistes- und Wirtschaftswissenschaftlern ist so ziemlich alles dabei. Ich sehe die vielen Gespräche, die ich in meinen Pausen oder nach den Schichten geführt habe, definitiv als Bereicherung.

Aus lebenslangem Lernen eine Gewohnheit machen

Zwanzig Jahre lang gab es immer irgendjemanden, der mir gesagt hat, was ich gerade lernen soll. Das hat mir nicht immer Spaß gemacht, insgesamt weiß ich es aber zu schätzen.
Die Wahrheit ist nämlich die: Wissbegierde und Interesse allein führen (bei mir) nicht zum Lernerfolg, sondern dazu, dass ich mich regelmäßig überfordere. Ich fange mit vielem an, bringe es nicht zu Ende und bin dann frustriert und sauer auf mich selbst.

Emotionen sind im Klassenraum sehr wichtig und als Lehrerin wird es zu meinen Aufgaben gehören, eine möglichst positive Grundeinstellung zum Lernen herzustellen. Deswegen finde ich, dass Lehrkräfte Champions in lebenslangem Lernen sein sollten.
Ich weiß nicht, wie ich meine Klassen glaubhaft davon überzeugen soll, sechs Jahre lang Energie in eine Fremdsprache zu stecken, wenn ich mich selbst für kaum mehr als sechs Wochen dazu aufraffen kann.

Deswegen nutze ich meine neu gewonnene Freizeit, um Bücher zu Themen zu lesen, die für mich im Studium zu kurz gekommen sind, verschiedene Lernformate auszuprobieren und einfach zu entdecken, wie Lernen bei mir funktioniert.

Kommunikationstraining

Es gab ein Kommunikationsseminar in meinem Studium. Das war im zweiten Bachelor-Semester und meine lebhafteste Erinnerung daran ist die Sonne aus Tonpapier, die eine Kommilitonin aus dem Grundschullehramt für eine Stationenarbeit gebastelt hat, „weil Kommunikation ja etwas Schönes ist – wie Sonnenschein!“

Klar, ich konnte schon okaye Gespräche führen. Allerdings ist „okay“ eventuell nicht der richtige Maßstab für wichtige Gespräche über die Entwicklung von jungen Menschen.
40 Stunden pro Woche mit wildfremden Menschen zu telefonieren oder E-Mails zu beantworten, war für mich ein willkommenes Training. Natürlich ist es kein vollkommener Ersatz zum tatsächlichen Elternkontakt, aber ich kann Kommunikation jetzt mit mehr Struktur gestalten und auch unangenehme Situation besser aushalten.

Beruf und Privatleben trennen

Ich gehöre zu den Menschen, die sehr in dem aufgehen, was sie tun, und auch möglichst immer das Richtige tun wollen.

Bei der Arbeit mit anderen Menschen kann das gefährlich sein, weil ich dazu neige, anderer Leute Probleme zu meinen eigenen zu machen und Kritik sowie negative Bewertungen sehr persönlich zu nehmen (nicht in dem Sinn, dass ich eingeschnappt reagiere, sondern dass ich es sehr stark auf mich beziehe und lang darüber grüble).
Dadurch dass wir im Callcenter Pseudonyme haben, kann ich das mittlerweile sehr gut differenzieren. Die Leute erzählen ja nicht mir als Privatperson von ihren Sorgen, sondern meiner Rolle auf Arbeit. Und sehr oft bewerten sie auch nicht mich negativ, sondern das Unternehmen und System, für das ich zwar arbeite, das ich als Privatmensch aber selbst nicht zu 100 % super finde. Wenn während meiner Arbeitszeit etwas blöd läuft, kann ich das an mindestens 9 von 10 Tagen bereits auf dem Weg zur S-Bahn hinter mir lassen.

Mit meinem Studium wieder ins Reine kommen

Ich denke fast alle von uns hatten in der Sekundarstufe II während einer besonders öden Stunde im lästigsten Pflichtfach den Gedanken: „An der Uni lerne ich dann nur noch Dinge, die mich interessieren!“ und ich als besonders naives Persönchen war auch davon überzeugt, im Studium nur noch motivierten und brillanten Gleichgesinnten zu begegnen.

Kleiner Realitätscheck:

  • Ich musste Vorlesungen über die figürliche Darstellung der septem artes liberales über mich ergehen lassen. Und über Alain Robbe-Grillets „Glissements progressifs du plaisir“.
  • Geschätzte 85 % aller Lehramtsstudierenden finden angewandte Linguistik ätzend, es dafür aber vollkommen normal, im Seminar „Einführung in die Medientheorie“ nachzufragen, ob ihre Seminararbeit etwas mit Medientheorie zu tun haben müsse.
  • Genauso viele Lehramtsstudierende finden es außerdem voll fies, von Dozent_Innen weniger ernst genommen zu werden als die Kernfachleute, antworten aber auf die Frage, warum sie im Seminar keinen Beitrag leisten, mit „Ich studiere doch nur Lehramt!“

Es gab einfach viele kleine Dinge, die desillusionierend waren (was ja nichts grundsätzlich Falsches ist) und durch die ich mich manchmal deplatziert gefühlt habe und erst wieder selbst finden musste.

Würde ich SEO-orientiert bloggen, hätte ich diesen Artikel „5 Gründe, weshalb du dein Referendariat verschieben solltest“ genannt. Aber es gibt nicht die eine Lehrerpersönlichkeit und nicht den einen Lebensweg, der zum Lehramt führt.
Vielleicht passt es für einige ja tatsächlich, alles am Stück durchzuziehen oder sie haben ein Orientierungsjahr nach dem Abitur oder dem Grundstudium/Bachelor eingelegt. Für mich passte es nicht und ich wünschte mir, wir als Gesellschaft würden junge Menschen, die sich für einen ohnehin verantwortungs- und anspruchsvollen Beruf entschieden haben, nicht unnütz unter Druck setzen. Es hat tatsächlich einige Monate gedauert, bis ich meine Entscheidung selbstbewusst vertreten konnte.

Wenn mich also jetzt jemand fragt, ob ich das Gefühl hätte, mit meiner aktuellen Arbeit Potenzial oder Lebenszeit verschwendet zu haben: Nein, tatsächlich nicht. Ich wusste zum Ende meines Studiums, dass ich mich in bestimmten Bereichen noch weiterentwickeln möchte und habe das an einem eher unscheinbaren Ort geschafft.
Der schwierige Teil war für mich letztendlich, mir nun einzugestehen, dass ich im Callcenter keine große Entwicklung mehr erwarten kann und der Punkt gekommen ist, die Angst vorm Referendariat zu überwinden und den Sprung zu wagen.

Das ist mein Referendariatstagebuch und ihr werdet hoffentlich von den Bewerbungen bis zum Zweiten Staatsexamen dabei sein.

2 Comment

  1. Yeah! Der Hai, die Kammer des Schreckens und ich begleiten dich gerne dabei!

  2. Das war sehr spannend zu lesen und ich persönlich denke, dass du alles richtig gemacht hast. Und ich freue mich, auf deinem kommenden Weg dabei sein zu dürfen 🙂

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