Unterwegs in Lettland – Mērsrags & Kap Kolka

Weil das Maikind auch ein Meerkind ist, habe ich mir zum Geburtstag einen Ausflug ans Kap Kolka gewünscht. Was natürlich etwas gemogelt war: Durch unsere gesamte Reiseplanung war klar, dass wir erst am 2. Mai an diese kleine Spitze Lettlands fahren würden und so habe ich in diesem Jahr quasi an zwei Tagen in Folge Geburtstag gefeiert. Aber man wird auch nur einmal 27.

Die Fahrt zwischen Riga und dem Kap war unser „Wir entdecken Lettland!“-Testlauf.

Lektion 1 – Auf deinem Smartphone sollte wenigstens eine gute Übersetzungs-App installiert sein!

Bereits das Abholen des Mietwagens war ein kleines Abenteuer.
Am Anfang fing es sehr harmlos damit an, dass der Mitarbeiter der Autovermietung das Auto von allen Seiten und aus allen Winkeln fotografierte – in Deutschland nicht üblich, für mich aber durchaus nachvollziehbar. Immerhin würde so absolut sicher feststehen, in welchem Zustand wir das Auto übernommen haben. Nachdem dieses fast schon feierlich anmutende Prozedere abgeschlossen war, folgte die selbstsichere Frage: „Ihr fahrt doch Automatik, oder?!“
Wir schüttelten mit dem Kopf, verwiesen auf unsere Reservierung, die ganz klar „manual“ sagte und der Mitarbeiter begab sich auf die Suche nach einem neuen Auto. Währenddessen entschieden A. und ich, dass wir 1.) notfalls wohl doch Automatik fahren würden und 2.) kein zusätzliches Navi nehmen, denn – O-Ton von A. – „wir sind ja schon groß und können Schilder lesen, außerdem ist Lettland ein kleines Land, was soll schon schiefgehen?“

Natürlich kam auch der zweite Wagen mit Automatik und weil unsere Kenntnisse kaum über „P ist für Parken“ hinausgingen, begann unser Ausflug ans Meer damit, dass ich heroisch die lettische Bedienungsanleitung bezwang. Momente, in denen sich die Vorlesung in interkultureller Fachtextlinguistik auszahlt.

Christin, Kap Kolka

Lektion 2 – Wenn dir ein Navigationsgerät angeboten wird, nimm es!

Ab dem ersten Anlassen des Motors dauerte es keine dreiviertel Stunde, bis von der Fahrerseite ein „Okay, vielleicht wäre ein Navi doch eine gute Idee gewesen“ kam.
So lang hat es nämlich gedauert, bis wir uns auf den Autobahnen rund um Riga mangels Ausschilderung komplett verfahren hatten und uns nicht mehr an der Karte orientierten, sondern auf unser herausragendes Gespür für das Magnetfeld der Erde verließen. Vielleicht hat es uns aber auch gerettet, dass man in Lettland selbst auf Autobahnen über den Mittelstreifen wenden kann und wir das Straßennetz dadurch systematisch abarbeiten konnten.

Ich habe den Verkehr in Lettland als sehr entspannt erlebt und wenn man keinen Zeitdruck hat und die ganze Sache locker angeht, dann ist so ziemlich jede Situation auch ohne Navi zu schaffen. Nicht immer schön, aber machbar.
Der Rigaer Stadtverkehr hat uns mit seinen vielen Unterführungen, Brücken und überraschenden Kreuzungen zwar einige Nerven und doppelte Kilometer gekostet, aber man hat uns Spurwechsel ruhig durchführen lassen, für die uns der durchschnittliche Berliner oder Pariser aggressiv angehupt hätte.

Ein Navi ist vor allem dann unerlässlich, wenn man bestimmte Museen oder Naturdenkmäler besichtigen will, ohne sie vorher auf der Karte zu markieren. Eigentlich gab es mehrere Punkte an der Küste, die ich mir näher ansehen wollte, an deren genaue Lage ich mich aber natürlich nicht mehr erinnern konnte.

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Lektion 3 – Wenn du noch ein bisschen Russisch oder Lettisch für den Alltag lernen kannst, dann tu es!

A. und ich hatten uns nach etwa 100 Kilometern Autobahn und der Erkenntnis, dass wir meine geplanten Zwischenhalte niemals finden würden, darauf geeinigt, willkürlich in einem hübschen Küstenstädtchen Halt zu machen und auf gut Glück das örtliche Museum zu besuchen.

Wir befanden uns in Mērsrags und das örtliche Museum befindet sich im ältesten noch erhaltenen Gebäude der kleinen Stadt. Es ist kein gewöhnliches Museum, sondern vielmehr eine Sammlung von Alltagsgegenständen aus der lettischen Geschichte. Es gibt keine Vitrinen oder Etiketten, dafür haben wir von einem alten Mann (auf dessen Grundstück das Museum liegt) eine Privatführung erhalten.
Das ganze Erlebnis verbesserte sich schlagartig, als ich zeigte, dass ich ein wenig Russisch kann. Immerhin lebt das Museum von den Erklärungen des alten Mannes und bis dahin hatten wir einander nur einzelne Wörter zugeworfen, aus denen nun immerhin einfache Sätze wurden. Was soll ich sagen? Wir haben in dem Museum Dinge gelernt, auf die wir mit alle weiteren Museumsbesuchen in Lettland aufbauen konnten!

Natürlich stellt es den Idealfall dar, in Lettland auch als Tourist wenigstens ein paar Brocken Lettisch zu können. Aber selbst Russisch bricht manchmal schon das Eis.
Im Reiseführer stand, dass im Gastgewerbe und vor allem in Riga natürlich Englisch gesprochen wird. Der Wahrheitsgehalt dieser Aussage wächst wahrscheinlich mit dem Budget. Von den meisten Kellnerinnen haben wir nicht viel mehr als „You’re welcome.“ gehört und teilweise hat man gemerkt, dass wir vor allem wegen der Sprachbarriere zurückhaltender bedient wurden.

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Lektion 4 – Enjoy slowly!

Nachdem wir uns von dem alten Mann im Museum verabschiedet hatten, sind wir an Mērsrags‘ Strand gefahren.

Ich liebe das Meer dafür, dass es überall gleich und doch anders ist. Wir kamen zu Ebbe an den Strand und es hatten sich kleine Gezeitenbecken oder vielmehr Gezeitenpfützen gebildet, denen man beim Verdunsten zusehen konnte.
Es war so faszinierend und ich kann wirklich nicht einschätzen, wie viel Zeit wir uns dafür genommen haben, einfach dort zu sitzen und eine Kleinigkeit zu essen.

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Spätestens ab Mērsrags beginnt der meiner Meinung nach schönste Teil der Fahrt: Die Straße führt durch Wald, der sich bis an den Strand erstreckt. Durch Baumlücken sieht man immer wieder das Meer glitzern. Und irgendwann steht man dann auch schon auf dem Parkplatz des Nationalparks Slītere.
Von dort aus gelangt man über einen Weg aus Holzbrettern zum Kap. Wer mag, kann auf Tafeln außerdem etwas über die Geschichte der lettischen Westküste lernen.

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Das Grandioseste am Kap Kolka ist, dass man dort tatsächlich nicht viel mehr machen kann, als aufs Meer hinaus zu schauen. Natürlich gibt es Bänke und Steinhaufen, auf denen man Pause machen kann, aber im Großen und Ganzen – guckt man aufs Meer. Man kann sogar kleine Hütten mieten, die einzig dazu dienen, mit Blick aufs Meer einzuschlafen und wieder aufzuwachen. Wie genial ist das bitte?

Ich weiß auch gar nicht mehr, was ich genau erwartet hatte. Vielleicht eine Landzunge, auf der man spazieren kann, einen Leuchtturm oder eine Flagge oder sonstige Markierung. In Wahrheit ist es aber nur eine kleine Ecke Land, an der man tatsächlich sieht, wie die Strömungen aus der Ostsee und der Rigaer Bucht aufeinander treffen. Das klingt banal, war es für mich aber überhaupt nicht.

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Sowohl die Gezeitenbecken als auch die aufeinandertreffenden Strömungen sind Dinge, die ich bewusst so noch nicht gesehen hatte. Der 2. Mai war ein sehr glücklicher Tag, weil ich wieder mehr über die Schönheit unseres Planeten gelernt habe.

Wahrscheinlich war es entscheidend, dass wir außerhalb der Hauptsaison in Lettland waren. Vielleicht habe ich mich auch etwas zu sehr von Lettlands Tourismus-Slogan beeinflussen lassen. Meine Empfehlung ist aber wirklich, alles dort in Ruhe zu genießen. Lettland ist wie eine große Schale Butternut-Kokos-Cremesuppe für die Seele.
Auf der Rückfahrt nach Riga hat es mich auch gar nicht mehr gestört, dass wir zwangsweise deutlich langsamer gefahren sind als in Deutschland. Oder dass wir für das Schokoladenmuseum in Pūre ein paar Minuten zu spät dran waren.

Wohin uns unser Mietwagen noch gebracht hat und wieso wir eine Skipiste hinaufgelaufen sind? Die Auflösung kommt in einem der nächsten Beiträge!

1 Comment

  1. Ich mag den Reisebericht und habe den Eindruck, dass das Baltikum als Reiseziel gerade zunehmend beliebter wird. Mittlerweile genieße ich es sehr, auch mal abseits der Touristenhochburgen unterwegs zu sein und ein Land ganz authentisch ohne Menschenmassen kennenzulernen. Ich freue mich auf weitere Lettland- und andere Erlebnisse.

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