Über Hauls und Kaufverzicht: „Eigentlich habe ich genug.“

Am Wochenende beschäftige ich mich mit den schönen Dingen des Lebens, zum Beispiel Essen: Kochbücher anschauen, selbst kochen oder backen und eventuell Lebensmitteleinkäufe. Nachdem ich mir in den letzten zwei Wochen fast gar keine Zeit für mich genommen hatte, stellte ich für dieses Wochenende einen kleinen Menüplan zusammen und im Einkaufswagen landeten folglich viele frische Zutaten.
Ich hätte es Food-Haul nennen, ein Foto davon machen und das dann als ultimative Inspiration ins Internet stellen können. Schaut euch diese unglaublich grünen Lauchzwiebeln an!!! Habe ich aber nicht gemacht. Hauls sind sehr beliebt, bei allem, was sich so kaufen lässt, aber ich begegne ihnen immer häufiger mit zusammengekniffenen Augen.

Es gab eine Zeit, in der besaß ich fast 30 Flaschen Duschgel. Ich war 19, maximal 20, lebte ganz neu in einer großen Stadt mit attraktiven Drogerie- und Kosmetikgeschäften und hatte Geld, mit dem ich mein Leben nach meinen Bedürfnissen und Wünschen ausgestalten konnte. Das war schon ein bisschen aufregend, zumal man mit 19, 20 ja noch lange nicht fertig erwachsen ist, sondern sich noch in diesem „Erwachsensein“ ausprobiert.
Es gab eine andere Zeit, in der hatte ich 25 ungelesene Zeitschriften in meinem Nachtschrank zu liegen. Ich krempelte gerade mein Leben um, arbeitete neben dem Studium und entdeckte neue Interessengebiete. Es ist wichtig, sich im Leben auch einfach mal um sich selbst zu kümmern.
30 Flaschen Duschgel und 25 Zeitschriften klingt auch nach mehr, als es in Wirklichkeit ist, redete ich mir tapfer ein. Immerhin brauche ich ja Auswahl, muss auf Eventualitäten vorbereitet sein und es wird ja auch nicht schlecht. Rechtfertigungen gab es immer. Irgendwann beschlich mich dann aber doch das Gefühl, nicht genug Hautoberfläche für soviel Duschgel und nicht genug Lebenszeit für die ganzen ungelesenen Zeitschriften zu haben.

Der definitive Wendepunkt kam dann mit dem halben Jahr in Frankreich, nachdem ich mit sehr großer Begeisterung Klettergurt und Trainingsbänder in meine Reisetasche gestopft hatte, wodurch nicht mehr viel Platz für anderes blieb. Kosmetik kaufte ich erst vor Ort und zwar in einfacher Ausführung. Die Welt hörte nicht auf sich zu drehen und ich durchlief auch keinen massiven Identitätsverlust. Ich stellte fest, dass mein Wesen seltsam wenig von Verbrauchsgütern abhängt; und irgendwie fand ich es auch toll, mich nicht ständig zwischen Dingen entscheiden zu müssen – einfach weil es keinen Entscheidungsraum mehr gab.
Lediglich Zeitschriften und Bücher fehlten mir tatsächlich, weshalb mein kleines Regal am Ende meiner Assistenzzeit auch ziemlich voll war. Ohne volle Regale, deren Bestand mich manchmal selbst überrascht, wäre ich nicht ich. Meine Bücherregale sind ein ausgelagerter Teil meiner Persönlichkeit und jederzeit ein besserer Gesprächsanlass als das Weißbrot mit Carobcreme, das ich zum Frühstück hatte.

Ich hatte sowohl in Aurillac als auch während der anderthalb Jahre in Leipzig genug Zeit zum Nachdenken und das Ergebnis lautet: Eigentlich habe ich genug. Meine Bücherregale sagen das, mein Badezimmer sagt das und auch alle anderen Bereiche meines Lebens sind vollkommen d’accord.
Für mich ist es mittlerweile das Größte überhaupt, mich über Dinge zu definieren, die in mir selbst liegen – und nicht darüber, wie andere mich sehen oder sehen sollen. „Brauchen ist relativ.“ Das sagt sich schön und irgendwie ist es auch wahr. Vielleicht brauchen einige tatsächlich über 100 Fläschchen Nagellack oder ein vollgestelltes Badezimmer, um als sie selbst glücklich zu sein. Ich brauche es nicht.
Und das ist auch der Grund, weshalb ich zwar verbrauchte Kosmetik zeige, aber weder Einkäufe detailliert dokumentiere noch egowirksame Verzichtslitaneien runterbete: Das Leben, wie ich es jetzt führe, fühlt sich für mich normal an und ich brauche keine Bestätigung für mein Konsumverhalten. Das ist absolut unaufregend – gerade dadurch aber auch ungemein befreiend.

5 Comment

  1. Wir leben in einer Konsumgesellschaft. Und es wird wohl auch in den nächsten Jahren schlimmer werden.

    Der Materielle Wert übersteigt den Geistigen Wert. Das ist eine Tatsache! Immerhin darf man sich schon anhören, wenn man einen Blog als Tagebuch führt – wirr seine Gedanken niederschreibt – was für einen Mehrwert dies hätte.

    1. Christin says: Antworten

      Zwei Dinge, die ich daran schlimm finde:

      1) Einerseits wird es immer wichtiger, sich mit materiellen Werten zu umgeben. Andererseits sind die Menschen immer seltener bereit dazu, einen Preis zu bezahlen, der dem Wert entspricht. Alles muss nach 150% aussehen, darf aber nur maximal 65% kosten.
      Darum drückt sich das Interesse an Kosmetik oder Kleidung ja auch fast nie im Kauf von Höherwertigem aus, sondern durch Massen von Billigketten.

      2) Selbst die Blogger, die in einem hellen Moment mal darauf kommen, dass unser Planet diesen Konsumrausch nicht lange mitmachen wird, und dann schwören, dass sie auf höherwertige Produkte sparen werden, knicken irgendwann unter dem Druck ein, ständig neues Material liefern zu müssen.

      1. Punkt 2 ist mir auch schon aufgefallen. Und ja: Gerade der ist irgendwie traurig.

  2. Ich ertappe mich selber oft dabei, immer wieder neue Sachen haben zu wollen. Dann trudelt hier ein Gutschein von Esprit ein (20% VIP Shopping. Ach, es ist ja bald Herbst und die letzte Winterjacke habe ich vor ein paar Jahren gekauft. Also bestell ich mal… ), dann kommt der Newsletter vom Body Shop (Nagellacke? Da habe ich dann aber zum Glück schnell weggeklickt).
    Die ganzen Modeblogs machen Lust auf Shoppen, Habenwollen und einfach nur kaufen, kaufen, kaufen.
    Aber besonders bei Kleidung überlege ich meistens, ob ich wirklich was Neues brauche. Manches wird auch aussortiert und weggegeben. Die meisten Sachen trage ich aber, für viele Fashionbloggerinnen sicher ein „NoGo“, mehrere Jahre. Schuhe von 2009? Das macht sie nur bequemer! Hosen aus vorvorletzter Saison? Pff, ich bin froh, wenn ich mal ’ne passende finde!
    Ehrlichgesagt habe ich eine Reihe Nagellacke, die ich aber selten benutze. Ich sollte aber, denn ich knibbel gerne an meiner Nagelhaut und mit Nagellack ist das blöd, weil man den dann evtl. mit abmacht. Andererseits: Gartenarbeit, spülen, Gemüse schnippeln – da kann ich nun wirklich keine Farbe auf den Nägeln gebrauchen. Müssen die anderen denn sowas nicht machen oder wieso tragen die immer Nagellack?! Gummihandschuhe schützen den Lack auch nicht, denn die Feuchtigkeit sammelt sich unter ihnen und dann blättert der Lack.

    Ich habe auch genug. Genug zum Anziehen, genug Bücher (okay, nein, davon hat man nie genug! ;)) und genug Kosmetikkram (und am Ende benutze ich doch nur Mascara).

    Das war jetzt mein Senf dazu und auch noch ziemlich langer Senf. 😉

    Ich wünsche dir einen schönen Wochenstart!

    1. Christin says: Antworten

      Hallo Verena, schön dich unter meinen Kommentatoren begrüßen zu können!

      Ich muss sagen, dass ich Modeblogs mittlerweile über habe. Alle sehen mehr oder weniger gleich aus (weil ja immer nur drei große Onlineläden gerade im Trend oder in Geberlaune sind) und alle bieten nur eins: eine heile Welt, die aber komplett hohl, weil eben nur oberflächlich ist.
      Du musst dir zum Beispiel keine Gedanken über die Haltbarkeit von Nagellack machen, wenn deine Fans dich dafür lieben, dass du zwei Mal pro Woche deine Nägel mit einem Fläschchen Nagellack in der Hand präsentierst. Es ist auch eher unnütz, darüber zu sinnieren, ob Modeblogger ihren bequemen und faulen Samstag tatsächlich am liebsten im engen Spitzenshirt verbringen. Diese Blogs zielen nicht auf die Darstellung einer zusammenhängenden Welt ab, aus der du durch Vergleich mit deiner eigenen Lebenswelt etwas lernen könntest.

      Vielleicht erzählt Mode, wie die großen Designer sie entwerfen, tatsächlich eine Geschichte. Modeblogs tun es aber auf keinen Fall. Und ich umgebe mich lieber mit Dingen, die eine Seele haben.

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