Susan Cain: Quiet

“Quiet: The Power of Introverts in a World that Can’t Stop Talking” von Susan Cain erschien 2012. Hier in der Ausgabe für den Kindle von Penguin. Ca. 325 Seiten. Eine deutsche Übersetzung ist unter dem Titel “Still: Die Kraft der Introvertierten“ bei Goldmann erschienen.

Mich interessieren viele verschiedene Dinge und darum lese ich hin und wieder recht verschiedene Sachbücher.
In der Deutschdidaktik haben wir uns übrigens recht lang mit den Ergebnissen der Leseforschung beschäftigt und da heißt es unter anderem: Mädchen entwickeln sich nach der Pubertät typischerweise zu Romanleserinnen, Jungen lesen, wenn überhaupt noch, Sachtexte. Dass mir Sachbücher mindestens genauso viel Freude bereiten wie Romane, ist also eher untypisch – auch wenn es zu mir passt, wie Kommilitoninnen meinten.
Seitdem ich erstmals vom MBTI gehört habe, hat mich die Unterscheidung zwischen extrovertierten und introvertierten Menschen am meisten interessiert. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis ich darüber ein Buch lesen würde.

Ich hatte „Quiet“ eher zufällig aus einer ganzen Reihe von Büchern über Introversion ausgesucht und keine bestimmten Erwartungen. 80% aller Buchtitel zu diesem Thema klingen sowieso weitgehend gleich (geheime Kräfte aktivieren, glücklich werden, die Welt regieren, blabla) und vermitteln mir so ein bisschen das Gefühl von Introversion als neuronalem Handicap, das es in erster Linie auszutricksen gilt. Aber vielleicht ist das auch nur mein Eindruck.
In „Quiet“ wird im ersten Teil beschrieben, inwiefern sich die Überbetonung von Extraversion in unserer Gesellschaft äußert und warum das problematisch ist. Im Folgenden werden einige organische Ursachen für Introversion beschrieben, um dann zu diskutieren, wie sich introvertierte Menschen in unserer extrovertierten Gesellschaft durchsetzen können.

„Quiet“ ist kein psychologisches Fachbuch und das merkt man auch recht schnell. Anhand persönlicher Schicksale soll gezeigt werden, mit welchen Strategien sich einige herausragende Introvertierte durch ihren Alltag navigieren. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass es in dem Buch primär um die Botschaft „Wir Introvertierten sind viel besser, ätsch!“ geht, und die persönlichen Schicksale klangen für mich immer mehr nach dem oberflächlichen Vorher-Nachher-Vergleich in einer Dauerwerbesendung für Diätgetränkepulver. „Stacy führt nun endlich das Leben, von dem wir alle träumen – dank Introversion!“
Statt Selbstbehauptung hätte ich mir etwas mehr Selbsteinsicht gewünscht. Ein bisschen weniger „Auch Introvertierte sind großartige Menschen!“ und mehr Aussagen darüber, wo Introvertierte anecken. Vor allem finde ich aber schade, dass nach all den Kapiteln, in denen die geheimen Stärken von Introvertierten gezeigt werden, mehrere Kapitel dazu stehen, wie sie sich dem extrovertierten Ideal unserer Gesellschaft anpassen können. Diese Strategien werden in „Quiet“ aber nicht direkt vermittelt. Vielmehr beschreibt Susan Cain ihre Teilnahme an diversen Workshops und wie die Menschen dort reagiert haben, ohne aber explizit Handlungsempfehlungen zu formulieren.
Schließlich fühlte sich das Buch für mich auch „zu amerikanisch“ an, wenn man das so sagen kann. Viele Beispiele stammen aus den Städten der Ivy League Universitäten oder San Francisco und der Bay Area und ich habe den Eindruck, dass die Gesellschaft hier in Europa zwar auch auf Extraversion ausgerichtet ist, aber nicht auf die gleiche Art. Und diese Eigenheit des Buchs zeigte sich eben auch darin, dass Erfolg für Introvertierte dadurch definiert wurde, es in diesen hochpulsigen und lauten Städten zu schaffen, während alternative Lebensideen aber kaum aufgegriffen wurden. Es gab zwar auch einen ehemaligen Professor, der jetzt zurückgezogen im Wald lebt – aber eben erst, nachdem er Jahrzehnte lang erfolgreich den Extrovertierten mimte. Und der Fokus im Buch lag natürlich auf seinem Leben vor dem Haus im Wald.

„Quiet“ ist ein durchaus interessantes Buch und ich habe bei der Lektüre noch etwas gelernt. Aber stellenweise hätte ich mir ein Buch gewünscht, dass sich ruhiger anfühlt.

Leseempfehlung? Tendenziell ja, wenn euch das Thema interessiert. Als Introvertierte solltet ihr aber nicht erwarten, aus dem Buch tatsächlich viele Praxistipps mitnehmen zu können. Wenn sich etwas Zeit findet, werde ich sicherlich auch noch ein oder zwei weitere Bücher zu diesem Thema lesen und die im Idealfall hier vergleichen.

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