Ref-Rückblick 01: Hospi-Wochen

Offiziell habe ich bereits 4 fast schon 5 von 18 Monaten Referendariat geschafft. Wahnsinn!

Zugegeben, diese Monate bestanden zu einem großen Teil aus Ferien und wenn ich in der Schule war, dann habe ich meine Zeit (zumindest vor den Herbstferien) mehr auf meinem Beobachterplatz in der letzten Reihe verbracht und nicht vorn an der Tafel.

Mir persönlich war es wichtig, genug Zeit zum Hospitieren zu haben, weil ich Gruppen auch in anderen Situationen gern erst beobachte und überblicke, ehe ich mich selbst einbringe. Mir ist bewusst, dass ich diesen Luxus als fertig ausgebildete Lehrerin nicht mehr haben werde.
Das war übrigens auch ein Grund, weshalb ich ein Bundesland mit (aktuell noch) 18-monatigem Referendariat gewählt habe: der Vorbereitungsdienst sollte meiner Meinung nach genug Zeit und Raum bieten, um gute Startbedingungen für die ersten eigenen Unterrichtsvorhaben zu schaffen und individuelle Lernwege zuzulassen.

Für die lehramtsfremden Leser*innen: ernsthaftes Hospitieren ist kein einfaches Zeitabsitzen, sondern durchaus anstrengend.
Jede Hospitation verbinde ich mit einem Ziel:

  • Vielleicht möchte ich etwas über Schülerverhalten im Allgemeinen erfahren.
  • Oder ich möchte herausfinden, was in meinen Lerngruppen zu Unterrichtsstörungen führt.
  • Oder mich interessiert, wie Arbeitsaufträge formuliert und strukturiert werden müssen, damit sie ordentlich ausgeführt werden.
  • Oder ich analysiere, was den roten Faden einer Unterrichtsstunde ausmacht.
  • Oder wie man auch schwächere Schülerleistungen wertschätzen kann.
  • Oder, oder, oder …

Mit dem richtigen Beobachtungsschwerpunkt kann ich in 90 Minuten Unterricht vier Seiten Beobachtungsprotokoll füllen, der Durchschnitt dürfte bei zwei liegen. Und diese Protokolle wollen zu Hause noch ausgewertet werden, damit ich etwas aus ihnen lernen kann.

Begeisterung fürs Hospitieren ist eher selten, aber zu mir passt sie einfach (sowie ich ja auch insgesamt gern ins Studienseminar fahre und in meiner Freizeit Sach- und Fachbücher lese). Lernwege sind eben individuell und gerade in einem Berufsfeld, in dem es so stark ums Lernen geht, sollten wir das an uns selbst wertschätzen.

Obwohl sich mein Selbstbild als unterrichtende Lehrerin bis Anfang November nur wenig weiterentwickelt hat, habe ich recht bald gemerkt, dass es zwei Aspekte gibt, mit denen ich hadere:

Selbstmanagement

Es gibt immer wieder Tage, an denen ich Bachelor-Christin dafür bewundere, dass sie nicht nur (fast) alle Lehrveranstaltungen besucht und ihre Hausaufgaben vorbildlich und frühzeitig erledigt hat, sondern nebenbei auch noch locker flockig 20+ Stunden pro Woche World of Warcraft spielen konnte. Ich habe keine Ahnung, wann und warum ich diese Fähigkeit verloren habe und wo ich sie wiederfinden könnte.

Natürlich ist es auch nicht hilfreich, dass ich zwei Jahre lang Vollzeit in einem Beruf ohne Selbstbestimmung gearbeitet habe und jetzt lauter Aufgaben begegne, in denen ich noch keine Routine besitze.

„Routine“ klingt immer so, als würde man Aufgaben stumpf abarbeiten, tatsächlich ist sie bei der Arbeit aber wichtig, um den Kopf frei für anspruchsvollere Aufgaben zu halten.
Im Hinblick auf die Unterrichtsplanung bedeutet das bei mir zum Beispiel, dass sich der Punkt „Methodenfeuerwerk“ bereits dadurch erledigt, dass ich in Grundentscheidungen zu meinen Stundenzielen und dem groben Verlauf so viel Zeit und Energie investiere, dass mehr als ein flüchtiger Blick in eins meiner Methodenbücher nicht drin ist.
In Wirklichkeit würde ich mit meinen Klassen gern verschiedene Übungs- und Arbeitsformen ausprobieren, bin aber schon dann glücklich, wenn meine Stunden irgendwie solide laufen und auch meine Ausbildungslehrerinnen sie okay finden.

Immerhin ist diese Baustelle für mich aber so konkret und greifbar, dass ich mir schon ein paar Maßnahmen überlegt habe:

  • Alle Verbindlichkeiten in Wochenpläne eintragen und diese mehrere Wochen im Voraus an einem Ort aufhängen, an dem ich sie mehrmals täglich sehe.
  • Verschiedene Workflows für die Unterrichtsplanung ausprobieren und die für mich passendsten Elemente zu einem „Master-Workflow“ zusammenbauen. Ich brauche einfach irgendwas, an dem ich mich bei der Unterrichtsplanung festhalten kann und das mir das Gefühl gibt, Zwischenschritte abgeschlossen zu haben.
  • Mehr Fachbücher über Unterrichtsplanung, Lernprozesse und die praktische Anwendung von didaktischen Modellen lesen.

Fachliches Selbstbewusstsein

Während der Herbstferien kam ich beim Lesen eines Textes über den französischen Teilungsartikel ins Stocken, weil meine fachliche Meinung von der der Autor*innen abwich. In der Linguistik ist es normal, dass Begriffe nicht abschließend definiert sind oder kategorisiert werden können. Wenn man Sprachunterricht plant, muss man sich aber für eine Variante entscheiden – und zwar begründet.

In ruhigen Momenten weiß ich, dass ich von Linguistik Ahnung habe; so viel Ahnung sogar, dass ich bestimmte Darstellungs- und Erklärungsansätze intuitiv herleiten und auch in ihrer Stimmigkeit und Richtigkeit angemessen beurteilen kann. Ich weiß auch, dass ich diese Einsicht in die Materie hart erarbeitet habe.
Sobald ich aber Unterricht plane, stürzt sich mein fachliches Selbstbewusstsein vom Balkon.

Nach dem Blick in vier Grammatiklehrbücher war klar, dass die Linguistik zu dem Problem, über das ich gestolpert bin, tatsächlich gespalten ist und meine Ansicht ebenso vertreten wird wie die der ursprünglichen Fachbuchautor*innen. Ich habe also einen halben Nachmittag mit Zweifeln, Grübeln und Recherchen verbracht, die am Ende absolut unnötig waren und die mir eine gesündere Portion fachliches Selbstvertrauen erspart hätte.

Das mag nur nach einer Kleinigkeit klingen, aber da sich solche Situationen immer wieder abspielen (werden), ist es durchaus belastend.
Ich hege ja die Hoffnung, dass diese Zweifel von allein verschwinden, sobald ich mich mit Unterrichtsplanung insgesamt sicherer fühle. Wenn aber jemand Tipps zum Umgang mit dieser Art von Zweifeln hat, bin ich natürlich sehr dankbar, wenn ihr die in den Kommentaren teilt.

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