#queenoffuckingeverything

Neulich zeigte mir Maja ein Foto von jemanden, über den wir gerade sprachen, und empathisch und an Menschen interessiert wie ich nun mal bin, war meine Reaktion „DIE TASSE WILL ICH!!! Und auch noch ein T-Shirt mit dem Spruch!“ Was auf der Tasse stand? Queen of fucking everything, in kitschiger Schnörkelschrift.
Wenn es ein Motto gibt, an dem man sein Leben ausrichten sollte – dann das! Am liebsten würde ich den Spruch auf ein Fähnchen schreiben und situationsadäquat damit rumwedeln. Leider kommt Fähnchenwedeln für Personen, die das neunte Lebensjahr bereits vollendet haben, gesellschaftlich nicht ganz so gut an. Also kein Fähnchen, dafür etwas ähnlich Unterhaltsames: ein Hashtag in sozialen Netzwerken.

„Aber Christin, bist du nicht eigentlich voll gegen so Ego-Eskapaden?“ – Das ist ja das Brillante an #queenoffuckingeverything: Das Ego hat da absolut Sendepause.
Das Ego ist in dem Sinn, den zum Beispiel Gabrielle Bernstein in ihren Büchern verwendet, die Stimme, die uns immerzu mit unserer Umwelt vergleicht und unseren Wert nur durch diese Vergleiche bestimmen kann. Entweder schiebt uns das Ego still in eine dunkle Ecke aus Selbstmitleid und Selbstzweifeln („Natürlich mag mich keiner, ich sitze ja jeden Tag sechs Stunden in der Bibliothek, weil ich viel weniger kann als die anderen und eigentlich zu blöd für mein Studium bin.“) oder es bläst uns aggressiv auf („Dass ich seit sechs Monaten kein Date hatte, spricht ja nur dafür, dass ich ein ernsthaftes Leben führe – nicht so wie die Schlampe Tanja, die jede Woche einen Neuen hat.“).
Das Ego tut nichts Gutes für uns. NIE.

#queenoffuckingeverything ist das Gefühl, das Menschen haben, bevor sich das Ego entwickelt – also so mit drei oder vier Jahren, nur mit einem etwas realistischeren Weltbild. Hat euch ein vierjähriges Kind mal total stolz ein selbst gemaltes Bild geschenkt? Ihr wisst schon: lächelnde Sonne oben in der Ecke, Selbstporträt mit acht Fingern an der linken Hand (dafür aber nur drei an der rechten) und Blumen in den ausgefallensten Farben (um diese Stifte auch endlich mal benutzen zu können).
Dieses Kind braucht sein Bild überhaupt nicht mit anderen zu vergleichen, um sich sicher zu sein, dass es großartig ist. Und diesem Kind sagt auch niemand, dass Eigenlob stinkt und Bescheidenheit eine wahre Tugend ist. „Guck mal hier, die Sonne. Haste mal in den Himmel geguckt? Da ist dir doch bestimmt aufgefallen, dass unsere Sonne kein Gesicht hat. Haste dir wohl nicht gleich überlegt, dass ‚Die Sonne lacht.‘ nur metaphorisch is. Beim nächsten Mal machste dis dann besser, ne?“ – Das sagt keiner zu einem vierjährigen Kind. Stattdessen magnetet man das Bild an den Kühlschrank.

#queenoffuckingeverything bedeutet, sich selbst einfach mal gut zu finden – und zwar ganz ohne den Vergleich mit dem Banknachbarn, der Kollegin, Bill Gates oder Micky Maus. Einfach mal nicht das betrachten, was einem fehlt oder was der andere hat, sondern nur das, was man hat – und damit auch zufrieden zu sein.
Die Schokomuffins sind nicht aufgegangen und haben jetzt die Konsistenz von Pfannenkäse? Naaah!!! Das sind in Portionen gebackene Brownies, die sind großartig!
Dinge, die ebenso großartig sind: Vom Zirkeltraining eine Runde mehr als sonst schaffen. Zwei Mal pro Woche Dänisch üben, auch wenn die App mich emotional dazu erpressen will, mich jeden Tag mit ihr zu beschäftigen. An einem Sonntag schon vor 14 Uhr „richtige Kleidung“ anziehen. Kresse ziehen und essen, bevor sie eingeht. Den verstopften Duschabfluss selbst freipömpeln. Mit Origami einen Dino-Zoo basteln. So Sachen halt.
Sich selbst einfach mal emotional oder gern auch physisch auf die Schulter klopfen und das imaginäre Krönchen polieren. #queenoffuckingeverything ist die Einladung, sich selbst so gnadenlos gut zu finden, dass man anderen Menschen ein bisschen Gutfinden abgeben kann. Du hast deinen Bürotag heute mit nur zwei Tassen Kaffee statt wie sonst drei geschafft? Daumen hoch! Andere Menschen kann man nämlich erst dann aufrichtig gut finden, wenn man an ihnen keine Schwachstellen mehr finden muss, mit denen man sich selbst besser fühlen kann.
#queenoffuckingeverything ist eben kein Aufruf zu überzogener Selbsteinschätzung, sondern zum Ende des ewigen Ningelns, Kleinredens und Lichtunterdenscheffelstellens. Statt Sätze wie „Na ja, ich hab eine 1,7 … Hätte besser sein können.“ zu murmeln, kann man nämlich auch einfach mal eine Flasche Kindersekt aufmachen und sich über die 1 vorm Komma freuen.

Was das Eintragsbild mit dem Inhalt des Eintrags zu tun hat? Die vierjährige Christin hat nicht nur lächelnde Sonnen gemalt sondern auch echt gute Elefanten. Darum hängt das Bild jetzt bei meinen Eltern in einem der Kinderzimmer. #queenoffuckingeverything eben – seit mindestens 1993.

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