Politisch korrekt, auch jenseits der Grenzen Europas

Eigentlich habe ich für den Rest meines Studiums keine Kurse in Französisch-Sprachpraxis mehr. Uneigentlich besuche ich freiwillig einige Kurse, darunter auch einen Übersetzungskurs. Im Studium ist Übersetzen so viel mehr als in der Schule, wo umständlich zusammengebastelte Sätze zeigen sollen, ob ein Text verstanden und die letzten Vokabeln erfolgreich gelernt wurden. Es geht darum, den Originaltext nicht zu verletzen, aber dennoch einen neuen Text zu schaffen, der in der Zielsprache funktioniert. Übersetzung ist immer Interpretation.

Zurzeit übersetzen wir einen Auszug aus „Une enfance créole“ von Patrick Chamoiseau. Ich habe mich auf diesen Text gefreut, weil Literatur aus dem frankokaribischen Raum zu meinen Hauptinteressen im Studium gehört.
Aber dann war da dieses Wort: le négrillon. Was machst du jetzt damit? In Lektürekursen gibt es nie Probleme, da heißt es eben nègre, béké und couli, direktes Zitat, stand so im Text, kann man nichts machen. Aber bei einer Übersetzung muss man etwas damit machen. Nur eben was?
Wir leben in einer Welt, in denen politisch korrekte Neuverfassungen von Kinderbüchern erscheinen und Süßigkeiten ihre Bezeichnung gewechselt haben. Alles, was ich in den letzten 15 Jahren über den Umgang mit Menschen aus anderen Ländern gelernt habe, schreit gerade ganz laut: „Christin, du kannst hier auf keinen Fall ‚Neger‘ schreiben!“
Am Ende schrieb ich dann doch „Neger“, mit Bauchweh und Fußnote, um meine Entscheidung zu rechtfertigen.

Erstens: Es gibt kein anderes Wort, das an der Stelle passt. Das liegt daran, dass eine Sprache immer nur an die Bedingungen der eigenen Realität angepasst wird – und die ethnische Realität in Deutschland ist eine ganz andere als auf den Kleinen und Großen Antillen. Hier gibt es nur uns, die kaukasisch-weiße Stammbevölkerung und die Anderen, die wir nicht-diskriminierend bezeichnen möchten. Keiner der in Deutschland etablierten Begriffe für Menschen anderer Ethnien würde der antillischen Wirklichkeit gerecht.
„Afroamerikaner“? Es sind keine Amerikaner. Für die Bewohner der Antillen im Allgemeinen und für die Martiniques im Besonderen (dort spielt „Une enfance créole“) haben wir allerdings keinen wirklich gebräuchlichen Begriff, denn wenn es in den deutschen Medien um Martinique geht, dann hauptsächlich wegen der Bananen und weniger wegen der Menschen. Selbst wenn ich jedoch „Afromartiniquer“ schreiben würde, wäre es nicht korrekt – für die antillische Gesellschaft oder zumindest die, um die es in den Texten geht, spielt es nämlich eine erhebliche Rolle, ob eine Person nur afrikanische Vorfahren hat (nègre) oder auch teilweise europäische (mulâtre).
Auch der Griff in den linguistischen Farbkasten bietet keine Lösung: „Farbiger“ wäre noch unpräziser als „Afromartiniquer“, weil hier auch die Unterscheidung zwischen der afrikanischstämmigen Bevölkerung und den aus Indien oder anderen Teilen Asiens stammenden coulis verlorengeht. „Schwarzer“ liegt wieder außerhalb des politisch korrekten Spektrums.
Diese Überlegungen zur Wortwahl schließen übrigens noch nicht ein, dass die meisten politisch korrekten Ausdrücke den Charme eines Topfkratzers haben und damit in literarischen Texten eher unpassend wirken.

Zweitens: So ironisch und wider allen Gewohnheiten es auch erscheint, „Neger“ ist die einzige Übersetzung, die Patrick Chamoiseau als Autor und Mensch den Respekt entgegenbringt, den er verdient hat.
Wir Europäer haben Menschen aus Afrika als „Ebenholz“ deklariert und als Sklaven in die Neue Welt verschifft. Wir haben ihnen ihre Namen (in dem Video spricht Malcolm X über die Praxis, Sklaven den Nachnamen ihres Sklavenhalters zu verleihen, um sie als seinen Besitz zu markieren) und ihre Identität genommen – und dann so getan, als wäre nichts dabei, als täten wir ihnen sogar einen Gefallen. Es waren die Afrikaner, die ihr kulturelles Selbstbewusstsein durch die Négritude neu definierten, und es waren anschließend die antillischen Autoren, darunter auch Patrick Chamoiseau, die die „Éloge de la Créolité“ (das Lob auf die Kreolität) verfassten, um auch ihr kulturelles Selbstbewusstsein zu stärken.
Die antillischen Autoren der Generation Chamoiseaus beschreiben sich selbst als Gesellschaft von nègres, békés, mulâtres und coulis. Diese Wortwahl aufgrund europäischer Befindlichkeiten abzulehnen, wäre erneut eine Bevormundung sondergleichen, bedeutete sie doch „Komm, trotz all eurer Bemühungen habe ich als Europäerin die relevantere Meinung dazu, wie eure Bevölkerungsgruppen zu bezeichnen sind.“ Es würde bedeuten, dass ich die Jahrzehnte dauernde und schmerzhafte Suche von Menschen nach ihrer eigenen kulturellen Identität einfach verneine und überschreibe.
Wenn wir mit Respekt über andere Ethnien schreiben und sprechen wollen, dann sollte es zu allerletzt um unsere europäische Behaglichkeitszone gehen. Zu oft in unserer Geschichte waren wir nämlich nicht die heldenhaften Ritter in der glänzenden Rüstung – auch wenn wir uns die Vergangenheit gern so verklären würden.

Das hier ist kein Freispruch des Wortes „Neger“ von allen negativen Konnotationen. Ich will auch nicht sagen, dass es bedingungslos okay ist, das Wort zu verwenden.
Was ich sagen wollte: Manchmal ist die Welt deutlich mehr als unser Zuhause in Europa – und in diesen Fällen ist unsere europäische Sicht sehr oft zu beschränkt, um die Wirklichkeit voll zu erfassen. Das ist nichts Negatives, aber wir vergessen es viel zu oft.

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