Dieser Beitrag ist ein Geschenk von Vergangenheits-Christin. Ich habe ihn vor fast zwei Jahren geschrieben und beim Aufräumen in meinen Entwürfen gefunden. Die Welt hat sich in dieser Zeit stärker und plötzlicher verändert, als ich es je für möglich gehalten hätte. An Wichtigkeit oder Aktualität hat der Beitrag dadurch aber nicht verloren – eher im Gegenteil.

Nachdem ich im November 2014 vor dem Problem stand, wie ich das Wort „négrillon“ in einem Text von Patrick Chamoiseau übersetzen sollte, wurde mir wieder bewusst, wie wichtig politisch korrekte Sprache tatsächlich ist – und wie wenig ich darüber wusste. Denn auch wenn das Thema manchmal so behandelt wird, geht es hier nicht um Beschäftigungstherapie für gescheiterte Geisteswissenschaftler, sondern um respektvollen Umgang in einer zunehmend heterogenen Gesellschaft. Dabei ist rassismuskritischer Sprachgebrauch nur ein Aspekt von vielen.
Und weil das Thema so wichtig ist, habe ich begonnen nach Antworten zu suchen, die ich hier mit euch teilen möchte. Die Gesellschaft, in der wir leben, ist nämlich nicht einfach nur so da, sondern wird jeden Tag durch unser Handeln geschaffen – und auch Sprache ist eine Form von Handeln. Wir alle tragen Verantwortung.

Der Leitfaden des ADB Köln und des ÖgG e.V.

Für einen ersten Einstieg in ein Thema bemühe ich fast immer elektronische Medien. Für mich hat das den Vorteil, dass es schneller ist – und für euch, dass ich meine Suchergebnisse ganz einfach teilen kann.
Auf meiner Suche fand ich relativ schnell den „Leitfaden für einen rassismuskritischen Sprachgebrauch“ herausgegeben vom AntiDiskriminierungsBüro Köln und Öffentlichkeit gegen Gewalt e.V.. Den Leitfaden könnt ihr als PDF über die Webseite des ÖgG herunterladen (ca. Mitte der Seite).

Auf etwas mehr als 50 Seiten nimmt sich der Leitfaden vier großen Schwerpunkten an:

  • rassismuskritischer Sprachgebrauch allgemein
  • Schwarze Deutsche
  • Muslime und allgemein Menschen in bzw. aus muslimisch geprägten Ländern
  • Sinti und Roma

Die Empfehlungen zum Sprachgebrauch und die Informationen zur historischen Entwicklung von Stereotypen und Ressentiments sind dabei so allgemein gehalten, dass sich eine Lektüre auch für Nicht-Journalist_innen lohnt.

Meine Einsichten

Für mich waren die geschichtlichen  Zusammenhänge, am interessantesten und einleuchtendsten. Ich vertrete ganz allgemein die Ansicht, dass wir ein Mindestmaß an Wissen über unsere Herkunft brauchen, um uns für die Zukunft orientieren zu können. Woher sollten wir denn sonst wissen, ob wir nicht irgendwo mal eine Abbiegung zu viel genommen haben und nun wieder auf dem Weg zurück sind?
Dabei ist mir besonders hängen geblieben, dass Deutschland zwar die Zeit des Nationalsozialismus sehr intensiv aufgearbeitet, darüber aber die eigene Kolonialgeschichte vernachlässigt hat und dass wir uns generell zu wenig bewusst darüber sind, dass sich das Europa, wie wir es heute kennen, durch eine ständige Abgrenzung von dem Anderen geformt hat.

Der beste Ratschlag zum rassismuskritischen Sprachgebrauch war für mich übrigens folgende einfache Übung: alle ethnischen Bezeichnungen durch „weiß“, alle Angaben zu Nationalitäten mit „deutsch“ und alle Religionen durch „Christentum“ ersetzen, den Artikel erneut lesen und mich dabei fragen, ob ich mich komisch berührt fühle oder die Angabe wirklich nötig war.

Und jetzt?

Natürlich konnte dieser eine Leitfaden nicht alle meine Fragen beantworten. Dabei blieben vor allem folgende Lücken:

  • Welche Gruppierungen werden in den Medien ebenfalls falsch dargestellt und wie äußert sich das?
  • Wie sind die besprochenen Gruppierungen denn nun wirklich? Ich habe sehr viel darüber gelernt, was falsch ist – aber nur sehr wenig darüber, was nun stimmt.
  • Wie sieht sprachlich angemessenes Verhalten nun eigentlich aus? Ähnlich wie der letzte Punkt: es wurden Negativbeispiele diskutiert, teilweise gab es Hinweise, manchmal wurde ich mit dem „So nicht!“ aber allein gelassen.

Die Suche nach Antworten geht also weiter!

Ansonsten übe ich mich in Aufmerksamkeit und Beobachten. Ich arbeite mich nach wie vor durch meine alten Wissenszeitschriften und in einem Artikel über Problemviertel in Berlin fand ich tatsächlich „Tagsüber betrinken sich die Deutschen im Park, abends dealen dort türkische Jugendlichen mit Drogen.“ und fragte mich, was die Nationalität an dieser Stelle zur Sache tut.