Kleine Geschichten mit Paul #1

Letztes Jahr habe ich einen Kurs im kreativen Schreiben belegt – auf Französisch. Zur vierten der insgesamt sechs Schreibaufgabe erfand ich Paul. Eigentlich wollte ich euch Paul (er wird etwa „Poll“ gesprochen, weil er ja aus Frankreich kommt) schon viel früher vorstellen, aber auf Deutsch natürlich.
Aufgabe war es, eine friedvolle und reiche Atmosphäre mit fabelhaften und zugleich technischen Details zu erzeugen.Außerdem galt es, eine Reihe vorgegebener Stilmittel und Wortspiele einzubauen.

 

Gaëlle sieht aus dem Fenster. Es ist ein milder Spätsommerabend und der Sonnenuntergang tüncht den Himmel in ein sanftes Orange. Sie dreht sich zu ihrem Ehemann um: „Eigentlich könnten wir heute doch auf der Dachterrasse zu Abend essen. Oder was denkst du?“ – „Das ist eine hervorragende Idee, mein Liebling. Ich stelle Tisch und Stühle zurecht und du holst das Geschirr aus dem Schrank?“ antwortet Victor.

Kaum hat er seinen Fuß auf die Terrasse gestellt, atmet Victor schon den Duft der Aprikosenblüten ein. Gut 15 Aprikosenbäume bilden, in große mit Engelchen verzierte Töpfe aus Alabaster gepflanzt, auf der Terrasse einen Kreis. Victor durchschreitet diesen zum Schuppen hin und macht sich mit geschickten Bewegungen daran, die rosenhölzernen Möbel herauszutragen. Er stellt sie in die Mitte des Kreises und umschmückt sie mit großen Kerzen und filigranen Lichterketten.
Währenddessen holt Gaëlle das goldene, floral ziselierte Besteck hervor. Anschließend nimmt sie einen Helikäfer nach dem anderen, eine Erfindung ihres Vaters: kleine geflügelte Roboter die in Smaragd und Topaz schimmern und Lasten von einigen Hundert Gramm transportieren können. Sobald sie sie alle beladen hat, legt sie Sandwiches, Küchlein und Champagner aus dem Kühlschrank in einen Weidenkorb.

Schon während sie die Terrasse betritt, macht sie große Augen und hält, den Mund geöffnet, inne. „Es ist wunderbar! Ich werde niemals verstehen, wie du solch erstaunliche Bilder aus Licht erschaffen kannst. Es sieht fast so aus, als kämen von dort hinten Glühwürmchen, um uns Gesellschaft zu leisten.“
Victor lächelt: „Uns Gesellschaft leisten? Möchtest du heute denn gar nicht, dass Paul zu uns nach draußen kommt?“ Gaëlle nickt eifrig, macht auf dem Absatz kehrt und kommt wenige Momente später mit einem kleinen Bündel auf dem Arm zurück. Sie lässt es auf den Boden nieder und das Zwergschaf blökt zufrieden. „Na los, Paul! Hab ein bisschen Spaß! Aber iss bitte nicht die Aprikosenbäume.“
Während Paul also auf Entdeckungsreise geht, genießen Gaëlle und Victor ihre Mahlzeit. Sie sprechen von Backkunst und moderner Malerei, von Wanderausstellung in ihrer Stadt und kürzlich erschienenen Büchern. Victor erzählt außerdem von seiner Arbeit als Stylist, von seinen letzten Skizzen, den Models und einem Kollegen, der den Kopf darüber verliert, wie er den Verschluss eines Kleides gestalten soll … Obwohl Gaëlle ihren Mann abgöttisch liebt, verfolgt sie das Thema nur halbbegeistert. Als Paul plötzlich direkt neben dem Tisch zwischen den Bäumen hervortaumelt:
„So ein niedlicher kleiner Knopf! Ich bin immer wieder erstaunt, wie brav er doch ist. Er sieht die Aprikosenbäume mit so viel Appetit an, aber er knabbert noch nicht mal daran … Und schau doch nur, wie hübsch seine Wolle in dem Licht schimmert! Wie das zartrosa unserer Pfingstrosen vom letzten Frühjahr. Und wenn ich kleine Blüten in sein Fell flechte? Ich weiß was!“ Und so sprang Gaëlle auf und eilte ins Haus.

Mit einer Flasche flüssigen Stickstoffs auf dem Arm und der Idee im Kopf, einige Aprikosenblüten darin erstarren zu lassen, kommt sie zurück. Doch gerade, als sie die Flasche abstellen möchte, stolpert sie, die Flasche fällt ihr aus den Händen und einige eiskalte Wolkenfetzen wabern um den Tisch herum.
„Entschuldige, das war wohl wieder nur Schall und Rauch. Das nächste Mal bleibe ich lieber ruhig sitzen, bis du ausgesprochen hast.“
– „Aber das ist doch nicht schlimm“, sagt Victor. „Sieh, das bringt mich auf eine Idee. Tiefgrüner Dekor, Wolken, Nebel, vielleicht einige Pinienzweige, Moos und ein Duft ganz nahe an Petrichor. Denkst du nicht auch, dass das ganz reizend wäre?“
– „Ich bin mir nicht sicher, ob ich gerade alles verstanden habe. Mir ist eher nach einem Walzer auf einer Lichtung im Halbmondenschein.“
– „Für eine Lichtung samt Wäldchen fehlt uns wohl leider der Platz auf der Terrasse. Aber wenn du tanzen möchtest, wie wäre es mit Strauss?“

 

Das schwierigste an der Übersetzung waren tatsächlich die Wortspiele, weil ich den Text direkt auf Französisch geschrieben habe und er auf Deutsch somit nicht ganz reibungslos funktioniert.
Übrigens ist mir Paul so sehr ans Herz gewachsen, dass es durchaus im Rahmen des Möglichen liegt, dass er auf dem Blog öfter zu Gast sein wird.

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