Im Land der Indianer

Eigentlich wollte ich in diesem Jahr nichts zur deutschen Einheit schreiben, sondern das nächste Jahr abwarten – Vierteljahrhundert und so. Aber manchmal kommen die Dinge eben anders.

Neulich saß ich im Hörsaal, wartete auf den Beginn der Vorlesung und lauschte den Gesprächen um mich herum. Hinter mir: Zwei Studentinnen, die eine aus Dänemark, die andere aus dem Ruhrgebiet, unterhielten sich darüber, was sie zum Studium nach Leipzig gezogen hat:
„Ich wollte gerne raus“, sprach’s. „Ich habe vorher mein ganzes Leben lang im Ruhrgebiet verbracht, immer nur Agglomeration. Da wollte ich mal raus, was anderes sehen. Es hätte auch Hamburg, München oder Berlin werden können. Aber da geht halt jeder hin, in den Osten eher nicht so. Berlin ist ja auch nicht so wirklich Osten – also ist es dann Leipzig geworden.

Ich weiß nicht, wie ich es finde, wenn Osten im nicht-nur-geographischen Sinn gebraucht wird. Und das ist hier der Fall, weil Berlin, wenn wir nach den Längengraden gehen, östlicher liegt als Leipzig und überhaupt insgesamt nicht ganz so mittendrin in Deutschland.

Einerseits ist es gut. Eine gedankliche Einheit wird es erst dann geben, wenn wir einander besser kennen und tatsächlich als ein Wir denken. Den Unterschied wahrnehmen, um ihn dann zu überwinden. Gleichmacherei und leere Worthülsen werden uns nicht helfen.
„Christin, welche Schallplatte hast du als Kind am liebsten gehört?“„Der Traumzauberbaum“ von Reinhard Lakomy. Das könntet ihr ruhig mal fragen (also, jetzt nicht mehr, jetzt wisst ihr die Antwort ja). Einfach mal abklären, wie die Dinge bei mir so sind. Und ich könnte auch mal nachfragen, was es mit Otfried Preußler auf sich hat, statt mich nur darüber zu wundern, dass es in jedem Buchladen hier in der Region zwar Bücher von ihm gibt, ich als Kind aber niemals etwas von ihm gelesen habe.

Andererseits fühle ich mich manchmal, als lebte ich als Ausstellungsstück in einem Reservat. Es ist umso irritierender, weil ich für meine Begriffe nicht in Ostdeutschland lebe, sondern in der BRD. Ich habe kein Konzept von Westdeutschland, vielleicht auch weil Westdeutschland ziemlich groß ist und es mir logisch erscheint, dass München und Hamburg nicht viel gemeinsam haben. Ich könnte nicht sagen, wie ich mir das Leben oder die Menschen in Westdeutschland vorstelle – am Ende hängt mein Leben ja doch davon ab, was ich daraus mache. Ich habe auch noch keine Diskussion darüber erlebt, was denn nun „so richtig im Westen“ ist.
Aber allen Indizien zu folge gibt es eine Idee, die an Ostdeutschland hängt und es ist hervorhebenswert, hier zu studieren. Einige wandern mit dem Rucksack durch Kasachstan oder Australien, andere ziehen für ihr Masterstudium nach Leipzig. Der kulturelle Erfahrungswert und auch der Abenteuerfaktor scheinen ähnlich gelagert zu sein.
Ich spreche lieber für mich, als einfach nur beguckt zu werden.

Ich will nicht sagen, dass das zu verallgemeinernde Aussagen sind – einfach, weil ich es nicht weiß. Ich will auch nicht sagen, dass nur ich diese Erfahrungen aufgrund meiner Herkunft mache – vielleicht gibt es ja auch Personen in Stuttgart, die genervt die Augen verdrehen, wenn sie für ihr Hochdeutsch gelobt werden. Dafür kenne ich die anderen Teile von Deutschland viel zu wenig.
Manchmal glaube ich nur, dass unser Problem darin liegt, dass wir die kulturelle Einheit zu sehr wollen, weil Deutschland ursprünglich als Kulturnation geboren wurde. Dass Unterschiede darum ein Tabuthema sind (außer beim Gehalt und den Lebenshaltungskosten), auch wenn Unterschiede eigentlich etwas vollkommen Normales sind. Wenn „una in diversitate“ („einig in der Unterschiedlichkeit“) die dritte Zeile der Europa-Hymne ist, warum darf dieses Konzept dann nicht auch für Deutschland gelten?

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