Giraffen gucken > Pokémon fangen

Seit Studienbeginn war das absolute Highlight meines Wohnbereichs immer das große Plüsch-Shiggy. Es saß auf meinem Sofa oder Sessel und immer wenn jemand erstmals bei mir zu Besuch war, war es ein super Gesprächsauftakt. Pokémon ist in meinem Freundeskreis so etwas wie der Fixstern beim In-Erinnerungen-Schwelgen. Wenn ich krank bin und nur das Bett mein Freund ist, streife ich noch immer gern durch die Wiesen und Wälder Kantos.

Hätte man mir als Kind die Gelegenheit gegeben, Pokémon-Forscherin oder Arenaleiterin zu werden, ich hätte es sofort gemacht. Um so überraschender für die meisten: Ich habe auf Pokémon Go nicht mit Euphorie reagiert.

Seitdem ich die Top-Vier zum ersten Mal bezwungen habe, sind etwa 15 Jahre vergangen und auf meinem Universitätszeugnis steht nicht Pokémon-Master, sondern Master of Education.
Wenn erwachsene Menschen nun digitalen Wesen mit dem Smartphone hinterherjagen, ist das für mich kein Zeichen für den Untergang des Abendlandes™, sondern sehr nüchtern betrachtet ein Spiel, ein Zeitvertreib wie viele andere auch.

Meine Hypothese dabei war, dass Pokémon Go die Menschen zwar nach draußen bringt, im Zweifelsfall aber eine Barriere zur Natur darstellt.

Mit Bisasam im Feldversuch

Ich mache ja gern mal Dinge, nur um zu verstehen, was andere Menschen daran finden. Aus genau diesem Grund hatte ich schon „Feuchtgebiete“ gelesen und schlimmer konnte Pokémon Go unmöglich werden.

Da A. und ich ohnehin einen Ausflug geplant hatten, klickte ich schließlich mit hochgezogener Augenbraue im PlayStore auf „Installer“. Für die Erkenntnis!

Ich schnappte mir fix ein Bisasam, packte die Powerbank in meine Tasche und schon waren wir aus der Tür. Auf der anderen Straßenseite wartete immerhin ein Evoli — das genau in dem Moment verschwand, in dem wir die Spieloberfläche halbwegs verstanden hatten. Erste Frustration.
In unserem Viertel gibt es etwa alle 50 Meter einen PokéStop und so klapperten wir einige davon ab, um uns bestens ausgestattet ins Abenteuer zu stürzen.

Wir schlugen schließlich den Weg ins Rosental ein und mit jedem Schritt wurde ich genervter. Meinem Telefon gelang es nicht mehr, mich korrekt zu orten, meine Aufmerksamkeit galt nicht meiner Umwelt, sondern dem Bildschirm. Es passierte, was auf Spaziergängen und Wanderungen sonst nie passiert: A. und ich keiften einander an.
Ich wollte keine wissenschaftliche Erklärung dazu, wie GPS funktioniert und was mein Smartphone angeblich falsch macht, ich wollte ein Raupy fangen oder wenigstens wissen, dass wir auf dem richtigen Weg zu unserem Ausflugsziel waren, und zwar sofort. Nichts davon passierte, erstens weil die Ortungsfunktion ja streikte und zweitens weil ich zu abgelenkt war, um mich an die geplante Strecke zu erinnern. Selbst als ich einmal bei Matsch und Schnee unter einem Stacheldrahtzaun durchkrabbeln musste, weil wir den richtigen Wanderweg verpasst hatten, war ich nicht so unentspannt.

Nach kaum 30 Minuten stand fest, dass Pokémon Go nicht in unser Raus-geh-Schema passt.

Das Smartphone wurde daraufhin in die Tasche verbannt und A. bemühte das Spiel nur während unserer normalen Pausen – ich hatte damit emotional schon gänzlich abgeschlossen.

Eine wilde Maus im Unterholz!

Nach dem Entschluss, dass Natur keine erweiterte Realität braucht, gingen meine kognitiven Filter wieder in ihren normalen Erlebnis- und Entdeckermodus zurück.
Jeder Sonnenstrahl durchs Blätterdach, jedes Rascheln am Wegesrand war wieder interessant. Mir persönlich wäre es bedeutsamer, alle 32 Libellenarten des Leipziger Auwalds zu sichten, als 150 verschiedene Pokémon zu ergattern.
Ich freue mich über jede Maus, die ich durchs Unterholz huschen sehe, jedes kletternde Eichhörnchen und jeden klopfenden Specht – und da standen wir noch gar nicht am Zoo und haben geschaut, wie elegant die Giraffen durch ihre Steppenlandschaft schreiten.

Ich muss und möchte Pokémon Go nicht verteufeln. Wenn es Menschen dabei hilft, vor die Tür zu gehen – gut. Wenn Menschen sich darüber austauschen – auch gut. Ich bin sogar beeindruckt davon, wie viele Menschen das Spiel rund um den Globus in seinen Bann gezogen hat. Aber es ist nicht das Allheilmittel für die Wehwehchen des modernen Menschen, als das es die Enthusiasten gern darstellen . Weil Realität allein mehr kann.


Mit diesem Artikel verwandte Fragen:
„Christin, findest du Zoos ethisch korrekt?“ – Es ist schwierig und zurzeit fehlen mir noch Informationen, um einen festen Standpunkt bilden zu können. Wer gute Artikel zu dem Thema hat, darf sie mir gern schicken.
„Ist dir klar, dass du aus einer sehr privilegierten Lage schreibst?“ – Ja, durchaus. Privileg hat viele Gesichter und mir ist bewusst, dass ich bei meiner Freizeitgestaltung einige Möglichkeiten haben, die vielleicht nicht jeder hat. Aber wir sollten nicht vergessen, dass wir in einer so reichen und so komplexen Gesellschaft leben, dass nahezu jeder gewisse Privilegien gegenüber jemand anderem hat.

1 Comment

  1. Also ich spiel Pokemon gerne, so nebenbei 😉
    (okay, manchmal gehe ich auch spazieren um „Eier auszubrüten“, da wird Vibration eingeschaltet und durchn Stadtpark gebummelt – durch die Vibration geht mir kein Pokemon flöten, aber ich muss nicht ständig drauf gucken)

    Für Kiddos die nur zuhause hocken und im Netz surfen bestimmt ne tolle Abwechslung mal raus gehen zu wollen 😀 😀 😀 Haha…

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