Die Möglichkeit des Vermissens

Wie lang war der letzte Anruf her? 5 Tage, denke ich. In Wahrheit waren es 10 oder 16, mein Zeitgefühl spielte mir wieder Streiche. Ich wollte ja anrufen, schon gestern, ich hatte es mir fest vorgenommen, aber was soll ich denn am Telefon sagen, wenn es nichts zu erzählen gibt? Morgen kann ich ja anrufen oder spätestens übermorgen, bis dahin fällt mir auch bestimmt ein Thema ein. Ich überschlage im Kopf, welches Wochenende wir als letztes hatten, was wohl auf dem Programm meiner Eltern stand – vielleicht eine Fahrradtour durch die Mark, ein Spaziergang durch das Oderbruch.
Neben mir leuchtet der Bildschirm meines Smartphones, ich schaue nur auf die Vorwahl: Eisenhüttenstadt. „Ich wollte auch gerade anrufen, eigentlich schon gestern!“ – „So haben schon die letzten drei Telefonate begonnen.“ Oh.

An den meisten Tagen meines Lebens sonne ich mich in dem Gefühl, dass es meinem näheren Umfeld gut geht, alle ihre mehr oder weniger spannenden Leben führen und ich jederzeit einen weiteren Knoten in unser Beziehungsband knüpfen könnte.
Meine Familie und Freunde wohnen in verschiedenen Ländern, aber im Zeitalter der globalen Vernetzung und ständigen Erreichbarkeit habe ich zumindest virtuell immer alle bei mir und kann sie im Handumdrehen an meinem Leben teilhaben lassen. Eine E-Mail am ersten Dezember aus Arcachon „Sieh mal, ich stehe mit den Füßen im Atlantik!“ Eine spontaner Anruf am Donnerstagabend „Rate, wer ein Baby bekommt!“
Manchmal sind da diese kleinen Momente, die ich teilen möchte – und es fühlt sich unglaublich gut an, das einfach so zu können. Aber wenn diese Momente nicht kommen, dann bin ich still. Wochenlang still. Das Gefühl des Vermissens kommt dabei nicht auf, es sind ja immer alle irgendwie da.

Es ist interessant zu beobachten, was passiert, wenn Menschen dann plötzlich doch nicht ohne Weiteres erreichbar sind, weil sie zum Beispiel mitten im Nichts Urlaub machen, fernab vom letzten Empfangsbalken auf dem Display. Die gleichen zwei, drei Woche, in denen ich sonst womöglich sowieso nicht angerufen hätte. Dennoch laufe ich gedanklich im Kreis und greife immer wieder nach dem Telefon, nur um mich zu erinnern, dass ich überhaupt nicht anzurufen brauche.
Meine Eltern sind im Urlaub. Maja ist im Urlaub. Meine Welt fühlt sich enger an. Die Möglichkeit des Vermissens ist für mich kein Geschenk, denn ich weiß auch so, wer in meinem Leben wichtig ist.

1 Comment

  1. RoM says: Antworten

    Salut, Christin.
    Ständige Verfügbarkeit bedeutet auch den Fluch allgegenwärtiger Nähe; nicht umsonst schirmt sich jeder Mensch mit einer Privatsphäre ab – selbst von geliebten Menschen. All-Präsenz kann nervend wirken und den Lagerkoller gab es schon lange vor jeder Art omnipräsenter Kommunikation.
    So besehen halte ich auch nichts von der Vernetzungsmanie mancher, die scheinbar die Sekunden ihres alltäglichen Lebens zu Perma-Performance wandeln wollen.
    Nichts zu sagen zu haben ist normal. Nicht zu sagen zu haben, dies aber zu durch alle Medien zu jagen, bleibt eine hohle Phrase. Eine Geste eigener Selbstüberschätzung.

    bonté

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