Christiane Rochefort: Les Petits Enfants du siècle

“Les Petits Enfants du siècle” von Christiane Rochefort erschien erstmals 1961. Hier in der Ausgabe von Reclam aus dem Jahr 2005. Ca. 155 Seiten. Eine deutsche Übersetzung ist unter dem Titel “Kinder unserer Zeit” bei Suhrkamp erschienen.

Am meisten mochte ich am Französisch-LK, dass ich Sonderaufgaben nur für mich hatte und ich mich auch frei am Lektürenschrank bedienen konnte, wann immer ich mit meinen Aufgaben deutlich früher fertig war als der Rest vom Kurs. „Les Petits Enfants du siècle“ haben wir allerdings als Kurslektüre behandelt.
Ich habe nicht alle Lektüren nachträglich selbst gekauft, sondern nur die, die mir irgendwie hängen geblieben sind oder von denen ich dachte, dass ich sie bei einer weiteren Lektüre anders bewerten würde. Dieses Buch ist so ein Kandidat.

Josyane wird als erstes Kind von Arbeitereltern geboren, gerade pünktlich für die finanziellen Prämien für Familienplanung. Schon bald folgen kleine Geschwister, mit deren Zahl sich der Wohlstand der Familie erhöht: Kühlschrank, Waschmaschine, Auto, Mixer – alles dank der Prämien.
Während ihr Vater den Tag über in der Fabrik arbeitet und die Mutter mit jeder Schwangerschaft ein weiteres Stück ihrer Gesundheit einbüßt, erzieht Josyane ihre kleinen Geschwister fast selbständig. Mit Ironie und Verbitterung betrachtet sie das Leben in ihrem näheren Umfeld: die Frauen, die nichts anderes können, als Kinder auf die Welt zu bringen, und die Trabantensiedlung, die immer mehr zur Zuchtanlage verkommt. Hoffnung und Zukunft gibt es in der Siedlung neben der Kriminalität und Gewalt, die auch schon unter Kindern herrscht, nur in den seltensten Fällen, und so beginnt Josyane, obwohl sie in der Schule immer zum oberen Mittelfeld gehörte, nach ihrem Hauptschulabschluss keine Ausbildung.
Abwechslung vom Alltagstrott findet Josyane in sexuellen Eskapaden mit Gleichaltrigen oder verheirateten Männern, bis sie eines Tages Philippe trifft …

„Les Petits Enfants du siècle“ hat es sprachlich in sich, vor allem wenn man nicht die zensierte Schulausgabe, sondern die von Reclam liest. Es ist eine sehr familiäre und stellenweise sogar rohe Sprache, wie man sie vielleicht auch aus den Problemvierteln deutscher Großstädte kennt; ein Wortschatz also, mit dem ich sonst nicht in Berührung komme. Das Buch bekommt dadurch einen ganz eigenen Reiz.
Vor allem ist „Les Petits Enfants du siècle“ aber ein Buch, dass aktuell wie sonst kein zweites die Kluft zwischen historischem Abstand und aktuellen, gar zeitlosen Fragestellungen überbrückt. In 50 Jahren hat sich unsere Gesellschaft so stark weiterentwickelt, dass wir kritisch über das Buch sprechen können, ohne uns selbst zu verurteilen – aber im Buch angelegte Fragen wie die nach dem Glück durch technischen und gesellschaftliche Fortschritt warten auch heute noch auf gute Antworten. Das Buch regt also zu echter Auseinandersetzung statt dem emsigen zitieren von Allgemeinposten an.

Leseempfehlung? Für alle, die keine Angst vor echten Themen und Hinterhofsprache haben.

« »

© 2017 Maikind.info. Theme von Anders Norén.