Alles logo mit dem Logos?

Dies ist ein Eintrag, den ich schon seit langer Zeit schreiben wollte. Dieser Eintrag hat viel mit den Ideen aus meinem Studium zu tun – und obwohl diese Ideen in sehr einfache Wörter verpackt werden können, sind sie nicht ganz leicht zu durchdringen.

Logos ist Griechisch und bedeutet „Wort“. Die meisten Menschen in Europa glauben, dass jedes Ding mit einem Namen, also einem Wort, beschrieben werden kann. Das ist das Logos. Damit verbunden ist die Unterteilung der Welt in Kategorien:Entweder bist du ein Ding oder ein anderes. Hand oder Fuß. Für die meisten Gegenstände in unserer Umwelt ist das auch problemlos möglich. Eine Hose ist eine Hose, ist eine Hose – und wird nicht plötzlich zum Rock.
„Aber Christin, was ist denn mit Hosenröcken? Und Göffeln*?“ Richtig. Hier haben wir die Grenze des Logos erreicht. Ist ein Hosenrock eine Hose oder ein Rock? Vielleicht beides? Oder keins davon? Unsere Welt ist äußerst komplex und manchmal reicht ein Wort nicht aus.

Zweifel an der Macht des Wortes sind keine ganz junge Erfindung. Rainer Maria Rilke hat ein Gedicht darüber geschrieben: Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort. Wir sind Helden haben auf dem Album Soundso das Lied Stiller. Die beiden Texte haben die Idee gemeinsam, dass das Wort die Seele der Dinge tötet.
Kann ein Wort tatsächlich töten? Nun, physisch zumindest nicht. Aber die Idee hinter dem Wort oder vor allem der Entscheidungszwang kann von innen sehr schmerzhaft nagen.

Ostdeutschland ist mehr als nur eine geographische Bezeichnung – und ich sächsle trotzdem nicht. Intelligent verdeckt, dass mich manchmal die banalsten Anforderungen des Alltags überfordern. Muttersprache Deutsch lässt außer Acht, dass ich gelernt habe, Gefühle auf Französisch auszudrücken. Bin ich heterosexuell, weil ich bisher nur Beziehungen zu Männern hatte? Was muss ich machen, um mich als Feministin bezeichnen zu dürfen? „Christin braucht aber ein Essen für Vegetarier!“ – Und wenn ich lieber etwas Veganes hätte? Darf ich meine Mahlzeiten überhaupt als vegan bezeichnen, wenn ich manchmal noch Käse esse? Und was ist mit Honig?

„Ja was denn nuuun?“ – Weiß ich nicht! – „Aber irgendwas muss doch?“ Nein, die Dinge müssen überhaupt nichts. Vielmehr müssen oder sollten wir – nämlich uns unbequem machen und uns daran gewöhnen, die Dinge selbst zu betrachten und nicht nur ihre Kategorie.
In jedem von uns schlummert eine Galaxie, die in sich so viel komplexer ist als ein Hosenrock oder ein Göffel. Nur weil ein Stern keinen Namen hat, hört er nicht auf zu scheinen. Und dass ein Stern einen Namen hat, ist keine Garantie dafür, dass er immer zu sehen ist.

 

* Göffel = Gabel + Löffel, kennt ihr vielleicht vom Camping. Auf Englisch heißen die Dinger meistens spork.

8 Comment

  1. Hab ichs richtig verstanden: Es geht hier quasi ums beschreiben anstatt der Kategorisierung?

  2. RoM says: Antworten

    Bonjour, Christin.
    Ich denke Worte sind lebendig, denn sie entstehen, ändern sich, veralten oder geraten gar in Vergessenheit.
    Vermutlich halte ich deshalb auch die Gralshüter einer Sprache – „jeder fremde Einfluß ist ein Sakrileg!“ – für eher seltsam. Wohl. weil sie das Prinzip „Sprache“ nicht akzeptieren können – Veränderung.

    Rock oder Hose wäre dabei nicht die Frage, denn der Hosenrock ist eben so wie er ist – eine Melange.

    Ich denke auch nicht, daß Worte dem Kosmos die Lebendigkeit entziehen; eine individuelle Einstellung sehrwohl! Eben dann, wenn die Poesie aus dem Leben verbannt wird!
    Augen laßen sich wissenschaftlich exakt durchdefinieren. Ein Augenpaar ist aber auch ein Brunnen tiefer Sehnsucht. So besehen ist der aktuell beschwörene Bildungsgötze MINT ein Nichts ohne die Magie von Worten.

    Und wo läge das Problem bei einem gegessenen Käse mit Honig?
    Ist nicht die „Reinheit einer Ansicht“ problematisch wenn sie zum Dogma erstarrt?!

    Im Grunde geben wir nur dem Sternenlicht einen Namen, denn im Moment der Bennenung kann der Stern bereits seit Ewigkeiten verloschen sein; seine Photonen haben uns erst jetzt erreicht.

    Merci, für Deine Gedanken hierzu.

    bonté

  3. Christin says: Antworten

    @ Christiane: Es ist noch ein bisschen komplizierter als das. Es geht auch darum, dass es für einige Dinge kein Wort gibt oder dass Personen sich an Worten festklammern, die bestimmte Zustände einfach nicht treffen. Und mit diesem Denken sind bestimmte Probleme verknüpft.

    Nehmen wir mal die Nationalität und die damit verbundene kulturelle Identität: Für den Ausweis ist das bei mir – im Moment – ziemlich unproblematisch. Ich wurde in Deutschland geboren, habe hier meinen Hauptwohnsitz und war nur mal für ein halbes Jahr am Stück in Frankreich. Obwohl ich keine Wurst und kein Bier mag, stimme ich mit vielen anderen Aspekten der deutschen Kultur überein. Ich kann, ohne mit der Wimper zu zucken, sagen, dass ich Deutsche bin.
    Aber nehmen wir mal an, ich würde mit A. nach Frankreich ziehen – was ja nun nicht außerhalb des Möglichen liegt. Ich würde nach einer gewissen Zeit nicht mehr sagen, dass ich Deutsche bin, sondern dass ich aus Deutschland komme. Das ist ein Unterschied. Ich würde zu dem Zeitpunkt aber auch nicht Französin sein, sondern nur in Frankreich wohnen. Ich wäre weder Deutsche noch Französin, sondern etwas Neues, das Teile aus beiden Kulturen vermischt.
    Auf dem Papier kann ich aber nicht beides sein, weil Deutschland für Erwachsene keine doppelte Staatsbürgerschaft zulässt. Und das hat dann wiederum einen Einfluss auf meine politische Teilhabe, weil das Wahlrecht an die Staatsbürgerschaft geknüpft ist.

    @ RoM: MINT Fächer sind an sich interessant, oder eher, was mit ihnen verbunden ist: Der Fachdenkstil. Auch der hat was mit dem Logos zu tun.
    Der Normalfall ist, dass du Naturwissenschaftler oder Geisteswissenschaftler bist und das einwandfrei so benennen kannst. Im Praktikum hatte ich mit meiner ehemaligen Biologielehrerin gesprochen, die auch Fremdsprachen unterrichtet: Sie fühlt sich als keins davon. Und mir geht es genauso (ich hatte ja mal ein Semester lang Chemie studiert). Für eine Geisteswissenschaftlerin bin ich zu analytisch; für eine Naturwissenschaftlerin betrachte ich zu sehr die Seele der Dinge. Ich merke in beiden Disziplinen, dass ich anders bin, auch wenn ich auf dem Papier nur noch Geisteswissenschaftlerin bin.
    Für mich ist es auch überhaupt kein Problem, die Denkstile aus beiden Bereichen in meinem Kopf zu verbinden und mich für eine breite Palette an Themenfeldern zu interessieren – aber andere Menschen finden es irritierend, weil sie mich nicht einfach so in eine Schublade stecken können. Und in einer von Naturwissenschaften geprägten Kultur gehört Schubladendenken eben irgendwie dazu, da sollten Menschen genauso logisch kategorisierbar sein wie die chemischen Elemente im Periodensystem.

    Vielen Dank auch für deinen letzten Absatz!

    1. RoM says: Antworten

      …ich denke das interdisziplinäre Denken bietet für Genialität bedeutend mehr Anknüpfungspunkte als ein Werkeln im jeweiligen Elfenbeinturm. All die Gelehrten früherer Tage haben sich nicht umsonst durch eine Reihe von Wissensgebieten gearbeitet, um durch Beobachten & Denken zu ihren Schlüßen zu kommen.

      Der modernisierten Wissenschaft ist das Spielen mit Vorstellungen ausgebleut worden; meßbarer „Erfolg“ ist alles und die Mechanismen modernen Managments töten jede kreative Auseinandersetzung im Keim ab. Wo früher religiöse Dogmen den Weitergang von Erkenntnis blokierten, steht heute der Götze der Effizienz unübersehbar anderen im Wege.

      bonté

      1. Christin says: Antworten

        Oh, man kann hier jetzt unmittelbar auf Kommentare antworten. Wie praktisch. (Die Neuinstallation überrascht mich immer wieder.)

        Man sollte auch sehen, dass es früher auch leichter war, Universalgelehrter zu werden. Nicht leicht, aber eben leichter. Die Fachübergreifenden Disziplinen zeigen ja aber schon, dass ein Bereich allein nicht mehr alle Fragen beantworten kann. Das mag in Naturwissenschaften vielleicht noch weitgehend so sein, aber sobald der Mensch und Kultur ins Spiel kommen, ist es vorbei.
        Lesen ist eben mehr als nur das Entziffern von Zeichen. Bis heute weiß keiner genau, was beim Lesen eines literarischen Texts passiert. Da sind jetzt Linguisten, Literaturwissenschaftler, Psychologen und Neurologen gleichermaßen dran. Das ist alles hochspannend, aber eben auch nicht ganz einfach.
        Es macht mich auch traurig, wenn Menschen im Linguistikstudium verkünden, sie bräuchten kein Mathe mehr. Also nie wieder. Dann werten sie Texte aus, aber weil sie keine Ahnung von Normalverteilung, Diagrammen oder – noch schlimmer! – der Bedienung von Excel oder ähnlichen Programmen haben, kommt dann so Geseier wie „Dann hab ich das manchmal noch so und so gefunden …“
        Oder auch dieses Technikabweisende immer. Als ob man Zukunft einfach aussperren kann, nur weil man schon mit der Gegenwart aufgrund eigener Versäumnisse überfordert ist.

        Als mehr oder weniger neutrale Beobachterin von außen finde ich es übrigens immer wieder fast schon witzig, wie sich die Verteidiger des naturwissenschaftlichen Denkens immer dogmatischer und immer mehr wie eine Religion verhalten – „Übel“, von denen sie die Welt eigentlich befreien wollten. Diese Ironie wäre wohl auch tatsächlich witzig, würden wir dabei nicht so viele Erkenntnisse und so viel Potenzial verlieren.

        1. RoM says: Antworten

          …da fällt mir ein:

          „Erkenntnis führt Geist und Wissen zusammen.“
          (Imogene Narvaile)

          bonté

  4. Du hast recht mit der Aussage dieses Textes, keine Frage. Aber du unterschlägst einen wichtigen Punkt: Menschen brauchen Logos (bzw. wofür Logos stehen).

    Wir könnten nicht (über-)leben, wenn wir die Welt um uns herum nicht vereinfachen könnten. Zu viele Reize, die ansonsten verarbeitet werden müssten um Alltag. Logos, Kategorisierungen etc. helfen uns den Alltag zu bewältigen. Und nur Dinge/Menschen die wir näher an uns ranlassen sind es wert, dass hinter das Logo geguckt wird. Ansonsten wären wir alle überfordert.

    1. Christin says: Antworten

      Das Logos funktioniert in zwei Richtungen: Wie nehmen wir andere wahr und wie nehmen wir uns selbst wahr.

      Andere Menschen nehmen wir in Kategorien wahr und das hilft uns, die Welt schnell zu bewältigen. Da hast du Recht, das weiß ich auch, deswegen vertrete ich auch die etwas unbeliebte Meinung, dass jeder Mensch erstmal oberflächlich ist und auch nichts dabei ist – solang wir nur bereit sind, hinter die Oberfläche zu blicken. (Ich komme in Blogeinträgen manchmal nur gern auf den Punkt.)
      Es gibt tatsächlich Situationen, in denen Kategoriebildung mehr als nützlich ist. Wenn man zum Beispiel in eine komplett neue soziale Umwelt kommt, dann wird man am ehesten Kontakt zu den Menschen schließen, die so ähnlich angezogen sind wie man selbst.
      Problematisch wird es erst dann, wenn Menschen glauben, dass das Logos schon den Kern der Dinge trifft. Kleidung als Kategorie ist zum Beispiel unproblematisch, weil wir wissen, dass ein Mensch mehr ist als seine äußere Hülle. Bei Sexualität und anderen Lebensformen ist es weitaus schwieriger, weil es viel mehr Formen als Begriffe gibt – die Menschen aber denken, dass jede Form auf einen der bestehenden Begriffe gemünzt werden müsste.

      Hier ensteht auch das Problem für das Individuum: Entweder erwachsen Zweifel, weil man keinen Begriff für sich selbst als passend findet, oder man gerät in die Mühlen des Rechtfertigungszwangs.

      Es gibt einfach den Punkt, an denen sich eine Gesellschaft von bestimmten problematischen Begriffen und Unterscheidungen trennen sollte.

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