Affections

„Bücher sind Freunde!“, rechtfertige ich meine letzte Buchbestellung und nicke überzeugt. „Weil sie keine Fragen stellen, sondern einfach verstehen? Genau wie Schokokuchen?“, erwidert A. mich neckend.
Anders als Schokokuchen. Wenn ich mit meinen Fingern oder Augen über Bücher streichle, singen sie für mich. Zumindest die, die in meinen Regalen wirklich sichtbar sind. Sie summen Melodien aus anderen Ländern, von vergangenen Zeiten, von Träumen und Hoffnung und lieben Menschen. Jedes Buch erzählt zwei Geschichten: die eine mit den Buchtaben auf den Seiten, die andere mit den Falten und Einkerbungen im Einband. Bücher wirken einen Zauber, dem ich mich nur schwer entziehen kann.

Es gibt trotzdem Bücher, von denen ich mich sehr leicht trennen kann. Das sind vor allem jene Romane, bei denen selbst ich nach 20 Seiten meine Meinung, Bücher seien Kulturgüter und nicht nur beliebige Konsummittel, überdenke. Ich erwarte von Büchern durchaus, dass sie mein Leben nachhaltiger beeinflussen als Schokoriegel für das gleiche Geld. Oder Bücher, die mir von Personen geschenkt wurden, die mir nicht mehr wichtig sind.
Ob Kulturgut oder Konsummittel: Bücher sind vor allem Gebrauchsgegenstände, sie sollen angefasst und gelesen werden, und wenn das bei mir nicht (mehr) der Fall ist, aus welchen Gründen auch immer, dann gebe ich sie weg. Wenn ich ein Buch verleihe und merke, dass es die andere Person viel glücklicher macht als mich, dann sage ich auch mal: „Ist in Ordnung. Behalt es ruhig.“

Nach der 10. Klasse (glaube ich), hat mir meine damalige Französischlehrerin den ersten Band „Le Seigneur des Anneaux“ („Der Herr der Ringe“) geschenkt. Ich habe damals mit den ersten beiden Seiten gekämpft, um es die weiße Fahne schwenkend ins Regal zurückstellen.
Während des ersten Semesters kaufte ich zur Motivation den zweiten Band. Immerhin gibt es da die Rohirrim und Eowyn, das sollte doch Anreiz genug sein, es mit dem ersten Band aufzunehmen. Die Motivation reichte bis Seite 26, das Lesezeichen steckt noch.
Viele Jahre sind vergangen, mein Französisch wurde besser, ich las viele andere Bücher und kam an den Punkt, an dem ich mir sagte: „Jetzt würde es gehen. Jetzt hast du eine faire Chance, ‚Le Seigneur des Anneaux‘ wirklich zu genießen.“

Als A. und ich überlegt hatten, die „Harry Potter“-Bücher zu vervollständigen, ist uns schon aufgefallen, dass Folio Junior irgendwann angefangen hatte, die Umschlagsgestaltung der Bücher zu ändern. Das ist schlecht, weil ich es nämlich nicht mag, eine Reihe in verschiedenen Aufmachungen im Regal stehen zu haben.
Ein kurzer Blick ins Internet ergab: es betrifft auch „Le Seigneur des Anneaux“ – und der dritte Band ist ohne Weiteres in der Ausgabe, die ich möchte, nicht mehr einzeln erhältlich.

Natürlich hätte ich es wie bei „Harry Potter“ auch machen und mir eine Komplettausgabe im Schuber wünschen können.
Bei „Harry“ war die Trennung jedoch leicht: Ich besaß selbst nur die ersten beiden Bände, hatte davon sogar nur den ersten hier in Leipzig gelesen. Den zweiten und dritten Band habe ich in Aurillac gelesen, die Bücher standen zwischen vielen anderen Kinderbüchern von A. und vielleicht sogar R., über einem Regalboden voller BD, ich denke, es war „Spirou“, vielleicht aber auch „Tintin“, im dritten Band steckte als Lesezeichen noch die Eintrittskarte von einem Museum. Der Duft der Holzvertäfelung des Dachbodenzimmers, die grünen Hügel und die Jordanne, der breite Ledersessel an der Fensterfront, Croissants mit hausgemachter Mirabellenkonfi zum Frühstück: nachdem ich „Harry“ in Aurillac gelesen hatte, sangen meine beiden Bände nicht mehr. Ich gab sie einer Freundin.

Vielleicht hätte ich eine Ausgabe gefunden, die zu meiner Sammlerausgabe von „Bilbo le Hobbit“ passt. Aber es ist nicht so leicht.
Ich kann den ersten Band nicht weggeben, weil meine Französischlehrerin angenommen hat, dass ich ihn eines Tages lesen können würde. Es gibt mehrere französische Bücher, die ich angefangen und abgebrochen und wieder angefangen und wieder abgebrochen habe, immer ein Stückchen weiter, bis ich gemerkt habe, dass es geht.
Ich kann die ersten beiden Bände nicht weggeben, weil sie von Frodon und Bilbon erzählen, noch mit den französierten Namen, was bei neueren Ausgaben nicht mehr unbedingt der Fall ist, wie beim „Hobbit“ zum Beispiel. Ich würde nicht nur ein Buch oder zwei weggeben, sondern eine Welt. Es wäre, als hätte jemand einen andersfarbigen Filter über Mittelerde gelegt. Nashville statt Valencia.

Also bestellte ich die gesamte Trilogie gebraucht in der Ausgabe, die ich wollte, nur um den dritten Band zu haben und A. fand es nur bedingt irrational. Nun erzählen zwei Bände mit ihren vom Sonnenlicht ausgebleichten Rücken vom Warten und der dritte mit seinen noch satten Farben vom Fortschritt.

Die zwei Bände, die ich nun doppelt habe, suchen übrigens ein neues zu Hause irgendwo in Europa. Meldet euch bei Interesse einfach in den Kommentaren, per Mail oder über das Kontaktformular.

2 Comment

  1. Die gleichen Ausgaben haben zu wollen, versteh ich. Ich hoffe bei „Die Bestimmung“ bin ich noch schnell genug, um das Dritte gleich zu bekommen.

    Ansonsten muss ich sagen, dass so „Krimireihen“ oder „Thrillerreihen“ gar nicht packen. Da kauf ich lieber einzelne Geschichten, bei denen die Hauptperson nicht noch in zwanzig anderen Bänden mir aufm Leim geht 😀

    1. Christin says: Antworten

      Als der erste Band von Cassia&Ky als Taschenbuch herausgekommen ist, habe ich die anderen beiden hektisch als HC gekauft, nur um auf der sicheren Seite zu sein.

      Ich finde, dass Reihen über drei Bänden nur dann funktionieren, wenn die Charaktere rotieren. Am schnellsten gehen mir persönlich Ich-Erzähler auf den Keks, weil sich bisher ehrlich gesagt noch kein Charakter so toll entwickelt hat, dass ich nicht spätestens nach 600 Seiten genervt gewesen wäre, die Welt nur durch seine Augen sehen zu können.
      Wirklich gelungen finde ich die Gestaltwandler-Reihe von Nali Singh. Da gibt es ein Figurenuniversum, aber jeder Band nimmt andere Figuren in den Mittelpunkt. Man erkennt also alles wieder, kann Konflikte über mehrere Bänden beobachten, aber man ist eben auch nicht an eine einzige Figur gekettet. Wobei ich gerade diese Reihe ja komplett ohne Ansprüche begonnen habe.

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